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Flucht aus Albanien : Ein Land ohne future

Schuld ist „die Politik“

Ein Zeuge dieser schlagenden Zukunft ist auch Daniel. Ihn treffe ich jetzt in der côteazurhaften Bar in seiner côteazurhaften Stadt Orikum. Zum Eminem-Rap erzählt Daniel, gerade zwanzig geworden, vom Weggehen: „Vor meiner Reise habe ich schon gehört, dass es schwierig wird, als Albaner Asyl zu bekommen in Deutschland, dachte aber, vielleicht habe ich Glück.“

Er ist mit der Fähre nach Italien und von da mit dem Zug nach München gefahren. „Dort bin ich zur Polizei und habe gesagt, dass ich Asylant werden will. Eure Polizisten, ich konnte es kaum fassen, sind so nette Leute.“ Auch Daniel ist wegen „future“ gegangen, wir sprechen Englisch, sein Deutsch ist schon tot.

Auf die Frage, warum es in Albanien keine Zukunft geben kann, macht jeder, den ich treffe und spreche, nur eine Bewegung, wie Daniel jetzt in dieser Bar: Den Zeigefinger in den Himmel gerichtet, sagt er: „Die Politik.“

„Deutschland is perfect“

Vor seinem Weggehen hatte Daniel einen festen Job, in der Fleischerei Orikums, obwohl er Jura studiert hat. Aber Juristen brauche Albanien im Moment nicht. Deshalb verkaufte Daniel Fleisch. Sechs Tage die Woche für 300 Euro im Monat – normales Albaner-Gehalt.

Und warum ausgerechnet Deutschland?

„Deutschland is perfect. Das hat mir ein Freund mal erzählt, und das stimmt auch, ich habe es selber gesehen.“ Schon nach den ersten zwei Wochen wurde Daniel klar, im perfekten Land darf er nicht bleiben. „Da gab es zum Beispiel Sprachunterricht, doch nur für Kriegsflüchtlinge, wir Albaner durften nicht zu den Stunden. Und dann hat mir auch noch ein Freund das Asylgesetz übersetzt, und ich habe es endgültig begriffen.“

Dennoch ist Daniel noch Monate in Deutschland geblieben, Monate hat er gehofft. „Es war ein Spiel und ein Abenteuer.“ Und als das Spiel langweilig wurde, nach einem halben Jahr ohne Arbeit, ist er wieder gegangen. Trotzdem würde Daniel jedem Albaner empfehlen, es mit dem Deutschland-Los-Ziehen zu versuchen.

„Es sind keine extrem armen Menschen, die gehen“

Und der deutsche Hass gegen Fremde? „Na ja, Araber mögen die Deutschen nicht gerne, das habe ich bemerkt. Aber ich selbst hatte keine Probleme.“ Daniel ist Muslim, so wie die meisten Albaner. Doch verschleierte Frauen sieht man nicht in den Städten, der Islam ist kein Thema. „Die Deutschen haben schon Probleme damit. Aber die hatte ich auch, in dem Heim. Zumindest ging mir das Beten der Syrer sehr auf die Nerven. Und immer als sie mit ,Allah‘ anfingen, sind wir Albaner aus dem Zimmer gelaufen, dachten, gleich zündet irgendjemand irgendwo eine Bombe.“ Noch mal wiederholt Daniel dann: „Deutschland is perfect“, sagt „auf Wiedersehen“ ohne Akzent und geht in sein neues, altes Zuhause.

So sieht es aus in Shkoza, der Roma-Siedlung am Rand von Tirana.

Am nächsten morgen wieder Tirana. Wie ein uneheliches Kind des Kommunismus sieht diese Stadt aus. Im Zentrum hat es Züge aus italienisch-faschistischer Zeit, doch dann wachsen da auch, unregelmäßig wie Milchzähne, neue Hochhäuser den Himmel hinauf. Mit Blick auf so ein frisches, noch nicht fertiges Zahn-Haus sitze ich in einem Café und warte auf Fatos Kongoli. Er ist 71 und Schriftsteller und hat auch vom Fliehen geträumt, damals im Kommunismus. Nach dem Zusammenbruch der Diktatur, als mehr als eine Million Albaner das Land verließen, hat Kongoli über das neue Fliehen geschrieben. „Früher sind die Menschen vor extremer Armut geflohen. Im Moment aber sind es keine extrem armen Menschen, die gehen. Vor ein paar Tagen sah ich einen jungen Albaner, 22 war er. Er wurde aus Deutschland abgeschoben und hat sich beschwert über das Essen im Heim. Und das bedeutet, dass er besseres Essen gewohnt war, dass er in Albanien ein besseres Leben gelebt hat“, sagt Fatos Kongoli, und seine Augen sehen wild aus und jung. Doch wenn das Leben gar nicht so schlecht ist, warum gehen Albaner dann weg?, frage ich, und auch Fatos Kongoli antwortet mit dem Wort Zukunft.

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