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Flucht aus Albanien : Ein Land ohne future

Als Inas Eltern, beide Akademiker, ein Haus kaufen wollten, haben sie eine Tante zum Besitzer geschickt. „Ihre Haut ist nicht so dunkel wie meine, wie die meiner Eltern, wir hätten das Haus niemals bekommen.“ Von Haus-Mauern träumen auch die Roma-Familien in Shkoza. Bösartig schaut sie dieser Traum jeden Tag an. Ein Sozialwohnungsbau der Stadt steht direkt vor der Siedlung, steht seit Jahren schon leer. Weil die Besitzverhältnisse nicht geregelt sind, weil die Regierung zwischendurch wechselte, dürfen die Wohnungen nicht vermietet werden. „So funktioniert Politik, sagen mir immer wieder irgendwelche Politiker, und das ist superalbanisch. Denn Politik wird hier nicht für Menschen gemacht, es ist ein abstraktes Wort ohne Bedeutung, das nur einen Gehaltsscheck einbringe soll“, sagt Ina.

Warum verlassen Albaner ihr Land?

Eine alte Frau ruft uns zu ihrer Teppich-Holz-Hütte, zeigt dann ihre Welpen, so stolz, als ob sie die eigenen Kinder vorstellen würde. Auch sie will hier weg.

Nach Deutschland?

„Natürlich.“

Auf die Frage, warum Albaner so entschlossen Albanien verlassen, fallen mir in einer Woche in diesem Land immer nur die gleichen sechs Buchstaben ohne Erklärung entgegen: „future“. Nur in Shkoza noch nicht, denn an die Warum-Frage auch nur zu denken wäre hier eine Dummheit.

Die Welpengroßmutter sagt zwar, dass die Deutschen im Vergleich zu den Albanern die größeren Rassisten seien, zumindest wenn es um Roma gehen würde, trotzdem will sie sparen, damit ihre Enkel nach Deutschland gehen können. Und zum Schluss sagt sie es doch, ohne dass ich danach frage, sagt „future“, sagt es dreimal, sagt es wie eine Drohung, als ob ich ihr die Zukunft selbst schulde. Und dann, ferngelenkt vom Mich-schuldig-Fühlen, laufe ich mit Ina zum Auto.

„Die Asylsache ist wie die Sache mit dem ersten Mercedes Tiranas“

Der Bekannte eines Bekannten, Gjergji heißt er, fährt uns in den Süden Albaniens. Ina will schwimmen in Vlora, ich Orikum sehen. Es ist der Ort, aus dem der „Wirtschaftsflüchtling“ Daniel kommt. „Sehr viele aus meiner Stadt sind nach Deutschland gegangen“, wird später Daniel sagen.

Der Strand von Orikum

Zuerst sagt Gjergji aber im Auto, dass die Albaner bald aufhören werden, ihr Land zu verlassen. „Es ist nur ein Trend, so wie die Sache mit dem ersten Mercedes Tiranas. Eines Tages kaufte sich ein Albaner einen Mercedes und erzählte seinen Freunden, dass es ein tolles Auto ist. Die Freunde erzählten es weiter. Bis jeder Albaner einen Mercedes fahren wollte. Genauso läuft es mit Deutschland. Albanien ist ein kleines Land, drei Millionen Einwohner, und jeder hat mittlerweile gehört, wie toll Deutschland ist. Unsere Straßen sind voller Mercedes-Benz und eure voller Albaner.“ Für eine Sekunde lacht Gjergjis Mund, bis er sofort wieder ernst wird, sein Mund: „Jetzt aber kommt der Trend anders zurück: Die abgeschobenen Albaner erzählen ihren Freunden, dass es keine Möglichkeit gibt, in Deutschland zu bleiben. Und bald wird das ganz Albanien wissen.“

Nur ein Trend?, sage ich. Doch Gjergji bemerkt nicht meine Zweifel, dreht die Anlage auf – ein altes Dr.-Dre-Album.

Lauter als Dre, lauter als Gjergjis Trend-Beruhigungs-Geschichten, höre ich in einer Woche Albanien aber die sechs Buchstaben „future“. Tage bevor ich mit Gjergji und Ina im Auto sitze, sitze ich in einem Café und spreche mit einem Kellner. Er ist der erste Albaner, der mir seinen Plan, nach Deutschland zu gehen, mit der Zukunft erklärt. Und ich halte es für etwas Banales. Doch mit jedem Gespräch, mit jedem Tag in diesem Land, begreife ich auch, dass das Wort „future“ zu stark ist, zu dröhnend, als dass es im deutschen Sachleistungen-und-sicheres-Herkunftsland-Remix oder den albanischen Mercedes-Trend-Punchlines unterginge. Die Albaner, sie werden trotz weniger Geld, trotz schnellerer Abschiebung, trotz abgeschobener Albaner, die vom Abschieben erzählen, weiter nach Deutschland gehen oder fliehen. Denn „future“ schlägt alles.

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