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Warten auf die Koalition : Wehe, wenn sie scheitern

  • -Aktualisiert am

Abschiedsstimmung in Berlin Bild: dpa/dpaweb

Was eigentlich droht dem Land, wenn die große Koalition scheitert? Der Ausnahmezustand wie in Frankreich? Der Blick über den Rhein gibt den Berliner Mahnungen zur Eile einen neuen Oberton des Apokalyptischen.

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          Beißend kalt ist die Luft jetzt schon am Nachmittag, und früh legt sich die Dämmerung über Berlin. Der schier ewige Spätsommer, der monatelang das Land wärmte und in der Illusion wiegte, die Zeit stehe still, ist vorüber, kein Zweifel.

          Auf der Straße Unter den Linden haben Arbeiter damit begonnen, Lichterketten um die kahlen Bäume zu winden, die dem Boulevard nach Einbruch der Dunkelheit einen üppigen Glanz verleihen. In sechs Wochen ist Weihnachten, mahnt die Illumination, und wieder geht ein Jahr zu Ende. Ein eigentümliches Jahr, eines, in dem Deutschland weithin ohne Regierung auskommen mußte; wieder ein vergeudetes Jahr. Hoffentlich wird uns niemand je fragen, womit wir es vertan haben.

          Die „Woche der Entscheidung“

          Vier Stationen weiter südlich, zehn Minuten von der historischen Stadtmitte, gibt es noch keinen Weihnachtsschmuck. Vielleicht wird hier, am Mehringplatz, auch keiner aufgehängt. Wer am Halleschen Tor aus der U-Bahn steigt, ist fast schon froh, wenn er keine brennenden Autos sieht. Wie ein auf Grund gelaufener Luxusliner liegt das Willy-Brandt-Haus, die SPD-Zentrale, inmitten von tristen Hochhausblocks, am äußersten Rand der Bezirke des Politischen, dort, wo sie fast unvermittelt in die sozialen Problemgebiete übergehen. Hier hat am Montag nachmittag begonnen, was im lächerlichen Deutsch der Koalitionsdramaturgen die „Woche der Entscheidung“ heißt.

          Eine Handvoll Kameraleute und Tontechniker in schweren Stiefeln, die Döner aus Alufolie verdrücken, müssen auch am späten Abend noch durch ihre schiere Präsenz vor dem Parteihaus das Dringliche der Situation beglaubigen. Wo sie sind, mit ihren Übertragungswagen und Mikrofongalgen, da geschieht das Außergewöhnliche. Ganz oben, im sechsten Stock, hinter sorgsam zugezogenen Gardinen, sitzt die Lenkungsgruppe zusammen, der innerste Kreis der Koalitionsschmiede, die paar Köpfe, die jetzt in fünf Tagen und Nächten erledigen sollen, was in den letzten Wochen schon ruiniert schien, genauer: was in den letzten Jahren versäumt wurde. Wer im Ernst mag das noch glauben?

          Wie ein blinder Seher

          Hans-Jochen Vogel, selbst ehedem auf der Brücke der Sozialdemokratie, hat der Skepsis der Nation am Sonntag abend im Studio von Sabine Christiansen ihre physiognomische Gestalt gegeben. Schlohweiß saß der alte Herr da auf seinem Sessel, fortwährend mit den Kiefern mahlend, den Blick in eine unbestimmte Ferne gerichtet wie ein blinder Seher, die Hände auf den Oberschenkeln ruhend. Alles an seiner Haltung schien zu bedeuten, daß er nicht desinteressierter sein könne am Geplapper der anderen Gäste, deren Sätze sich ganz wie die glitzernden Bänder Unter den Linden um das dürre, brüchige Geäst der Fakten wanden. Nur Vogels Fingerspitzen waren unablässig in Bewegung, als stehe er unter enormer Spannung; gereizt klopften sie wieder und wieder auf seine Beine. Eine merkwürdige Mischung aus Ungeduld und Erwartungslosigkeit war da zu beobachten, und sie entspricht ziemlich exakt der Stimmung, die dieser Tage über Berlin liegt.

          Allen sei bewußt, hieß es bei vielen Christdemokraten im Sommer, damals noch in Erwartung eines sicheren Sieges, daß sie „nur einen Schuß frei“ hätten. Das sollte wohl eine beruhigende Versicherung sein, man habe den Ernst der Lage begriffen und werde, einmal an der Macht, auf alle Ränkespiele, auf die üblichen innerfraktionellen Fingerhakeleien verzichten. Noch eine Regierung, die sich im Taktischen verliere und vor den Problemen versage, könne sich das Land nicht leisten. Natürlich wissen wir längst, daß das naives Wunschdenken war, so wertlos wie die Gelübde, die Steuern nicht zu erhöhen. Was aber daraus folgt, bleibt einstweilen rätselhaft. Merkwürdigerweise nämlich war es schon vor der Wahl stets nur bei der Beteuerung geblieben, sich zusammenzureißen.

          Unaussprechliches wird geschehen

          Was der Republik denn drohe, wenn der eine Schuß abgefeuert sei, sein Ziel aber verfehle, wurde nie ausbuchstabiert. Gerade das schien die Entschlossenheit zu unterstreichen. Unaussprechliches, so die düster mitschwingende Prophezeiung, werde geschehen, sollte nach Rot-Grün auch die Union scheitern.

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