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Weibliche Vorbilder : Zur Emanzipation gezwungen

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Eine moderne Frau? Clara Schumann zu sehen bei einer Ausstellung des Instituts für Stadtgeschichte auf dem Hundertmarkschein. Bild: dpa

Cleopatra, Maria Theresia und Clara Schumann – sie alle sollen „moderne“ Frauen gewesen sein. Was heute als modern gedeutet wird, ist allerdings häufig auf schiere Notwendigkeit zurück zu führen.

          Der Marketingtrick ist einfach: Will man Frauen von gestern für ein Publikum von heute interessant machen, bewirbt man sie als „modern“. Clara Schumann, lehrt eine Ausstellung im Frankfurter Institut für Stadtgeschichte, war „eine moderne Frau im Frankfurt des 19. Jahrhunderts“ – weil die Ausnahmepianistin, durch den psychischen Zusammenbruch und Tod ihres Mannes zum Broterwerb für die Familie gezwungen, als erste weibliche Lehrkraft an Dr. Hoch’s Konservatorium unterrichtete.

          Werktätig, Mutter, alleinerziehend – total modern, also gegenwärtig. Gilt auch für Maria Theresia, die Elisabeth Badinter als Vorläuferin der modernen Frau beschrieb. Was interessant ist, denn zu diesem Modernsein bedurfte es offenbar des Spitzenpostens in einer mittelalterlichen Institution. Macht nichts, es kann noch weiter rückwärts gehen durch die Zeiten: Beginen, entnehmen wir der „Braunschweiger Zeitung“, waren „moderne Frauen im Mittelalter“. Sie folgten Jesus, lebten keusch, aber nicht im Kloster und waren unabhängig. Das lässt verheiratete Atheistinnen unserer Tage mit Kindern ziemlich alt aussehen. Hildegard von Bingen soll ein „modernes Kloster“ geleitet haben. Cleopatra wird als Vorbild für moderne weibliche Führungskräfte gehandelt – Augen auf bei der Wahl der Partner und Haustiere, möchte man da einwerfen. Sappho trägt in einem Beitrag der BBC den Titel „Ikone der Moderne“. Als Dichterin der lesbischen Liebe? Das allerdings ist total antik.

          Wenn in der Geschichte eine Frau etwas erreichte, was sonst Männern vorbehalten war, wird sie im Rückblick zur Modernen erklärt, selbst wenn erst die Bedingungen ihrer Zeit und ihrer Stellung in dieser (durch Gaben, Geburt, Heirat oder anderes) sie zum dem machten, was sie war. Die Sehnsucht nach weiblichen Identifikationsfiguren ist groß, das ist verständlich, es gibt nicht viele Frauen von früher, mit denen man heute tauschen wollte. Aber ihnen das Gütesiegel der Moderne ex post aufzudrücken hat etwas von der Stellvertretertaufe, mit der Mormonen Verstorbene gleich welchen Glaubens eingemeinden, weil sie vermeintlich nur so gerettet werden können.

          Der Modernezwang für historische Frauenfiguren gemahnt an den Jugendwahn, der Frauen heute einredet, sie müssten spätestens ab dreißig für immer wie Versionen ihres jugendlichen Selbst wirken, damit sie noch neu erscheinen. Clara Schumann braucht das alles nicht zu kümmern. Sie meisterte ihr Leben, schuf aber keinen Präzedenzfall. Warum? Als eine andere Frau am Konservatorium anfragte, ob sie gleichfalls dort Unterricht geben dürfe, wies der Direktor sie kühl ab mit den Worten: „Madame Schumann darf ich hier wohl als Mann rechnen.“

          Ursula Scheer

          Redakteurin im Feuilleton.

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