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Wer war Heideggers Chauffeur? : Der stille Amerikaner

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Am Vormittag des 1. März 1970 fuhr ein weißer Ford Mustang vor der Universität Heidelberg vor. Bild: Tobi Frank

War der spätere Regisseur Terrence Malick für kurze Zeit der Chauffeur des Philosophen Martin Heidegger? Der italienische Politiker Leoluca Orlando ist davon fest überzeugt. Über eine Begegnung an der Universität Heidelberg am 1. März 1970.

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          Die Imaginationskraft Hollywoods kann man schon daran erkennen, dass es ihr mühelos gelingt, selbst prosaische Professionen mit einer Magie aufzuladen, die den Beobachter stundenlang in den Bann ziehen kann. Das berufsmäßige Führen von Personenkraftwagen zum Beispiel. Gemeint ist der Chauffeur. Hoke Colburn („Driving Miss Daisy“) oder Tony „Lip“ Vallelonga („Green Book“), um zwei der berühmtesten Fahrer der jüngeren Filmgeschichte zu nennen, sind nicht einfach irgendwelche Kraftfahrzeugführer von irgendwelchen Berühmtheiten, sie – gespielt von Morgan Freeman und Viggo Mortensen – sind selbst die Geschichte. Man könnte jetzt noch Keith Moon nennen, den Schlagzeuger von The Who, der in einer ebenso exzessiven wie tragischen Nacht am 4. Januar 1970 ausgerechnet seinen Chauffeur Neil Boland überfuhr – im Rausch und aus Versehen. Moon kam nie darüber hinweg, der Tod seines Chauffeurs beschleunigte seinen eigenen Untergang.

          Keine drei Monate nach diesem Vorfall, es war der Vormittag des 1. März 1970, fuhr ein weißer Ford Mustang an der Universität Heidelberg vor. Im Heck des Wagens saß Martin Heidegger, damals 80 Jahre alt, in einem für ihn typischen, trachtartigen Anzug. Grund für Heideggers gut zweistündige Autofahrt aus dem heimischen Schwarzwald an die älteste deutsche Universität war die Abschiedsvorlesung zu Ehren seines Freundes, des Philosophen Hans-Georg Gadamer. Gadamer war bereits 1968 emeritiert worden, vertrat aber noch bis zum Ende des Monats seines 70. Geburtstages (am 11. Februar 1970), an dem er laut Augenzeugen (Leoluca Orlando) ganz allein zwei Flaschen Rotwein getrunken haben soll, den Heidelberger Philosophie-Lehrstuhl. Der junge Gadamer hatte ab 1923 Heideggers Vorlesungen in Freiburg besucht und sich 1929 bei ihm habilitiert. Die erste Begegnung mit ihm hat Gadamer einmal mit einer „Erschütterung“ verglichen, er fühlte sich von der Überlegenheit dieses „gewaltigen Denkers“ schier erdrückt. Nun übernahm der Meister die Last Lecture.

          Erschüttert war auch der Heidelberger Jurastudent Leoluca Orlando, ein zweiundzwanzigjähriger italienischer Stipendiat des Deutschen Akademischen Austauschdienstes – aber ganz anders als Gadamer. Orlando hatte sein Einserabitur an einer 400 Jahre alten Jesuitenschule in Palermo in den Hauptfächern Altgriechisch, Philosophie und Italienisch abgelegt. Von 1965 an studierte er in Palermo Jura. Orlando war vom Geist der gesellschaftspolitischen Rebellion der Achtundsechziger beseelt, wurde zu einer Frontfigur der sizilianischen Studentenbewegung und besetzte 1968 die Jura-Fakultät der Universität von Palermo. Sehr zum Leidwesen des Dekans, Salvatore Orlando, seinem Vater. Die großbürgerliche und adelige Herkunft empfand Leoluca als Provokation. Kaum in Heidelberg, wo er von September 1969 an bis Semesterende 1971 studierte, zettelte er eine weitere Besetzung der Fakultät an. Am Telefon sagt Orlando: „Ich war damals gegen das System, und ich bin es heute!“

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