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Wallraffs Moschee-Lesung : „Das ist ein echter Test“

„Ich habe mir den naiven Blick bewahrt”: Günter Wallraff Bild: AP

Günter Wallraff will in einer Kölner Moschee aus Salman Rushdies „Satanischen Versen“ lesen und erhofft sich davon „eine ungemein befreiende Wirkung“. Ist sein Vorschlag reine Provokation oder eine Probe auf Liberalität?

          Während England eine Tonbandnachricht abhört, mit der al Qaida dem Land neue Terroranschläge androht, weil die Königin Salman Rushdie zum Ritter geschlagen hat, schlägt Günter Wallraff im deutschen Rundfunk eine Lesung vor. Er möchte in der Moschee in Köln-Ehrenfeld aus Rushdies Roman „Die Satanischen Verse“ vorlesen. Dann würden Worte des wegen vermeintlicher Gotteslästerung mit dem Tode bedrohten Schriftstellers in einem islamischen Gotteshaus erklingen.

          Hubert Spiegel

          Redakteur im Feuilleton.

          Wallraff wusste nichts von der neuen Terrordrohung, als er in einem Rundfunkgespräch über den Kölner Moscheebau mit Necla Kelek und Bekir Alboga, dem Dialogbeauftragten der Ditib, der Türkisch-Islamischen Union, seinen Vorschlag machte. Es sei ein spontaner Einfall gewesen. „Wir müssen“, sagte er im Gespräch mit dieser Zeitung, „auch Gedanken zulassen, die zunächst nicht realistisch oder alles andere als opportun erscheinen“. Wallraff glaubt, dass die meisten Muslime die Fatwa gegen Rushdie akzeptiert haben, ohne das Buch zu kennen. Das möchte er ändern, jetzt, mehr als zehn Jahre nachdem er Rushdie bei sich zu Hause versteckt hat. Alboga hat den Vorschlag nicht abgelehnt und will ihn innerhalb der Organisation zur Diskussion vorstellen. Das immerhin hat Wallraff bereits jetzt erreicht: Was auf den ersten Blick naiv und unrealistisch klingt, wird ernsthaft diskutiert.

          Der naive Blick

          Den Vorwurf, sein Vorschlag sei naiv, nimmt Wallraff gelassen hin: „Ja, ich habe mir den naiven Blick bewahrt, und zwar ganz bewusst. Denn er bedeutet, sich nicht mit dem Bestehenden abzufinden. Ich tue jetzt einfach mal so, als könnte ich meine Forderung durchsetzten, und Sie werden sehen, ich werde sie auch durchsetzen.“ Der Optimismus gründet sich nicht zuletzt auf die eigene Person: Er genieße, sagt Wallraff, in der islamischen Welt ein gewisses Ansehen. Immerhin habe sein Buch „Ganz unten“ in vielen islamischen Ländern Kultstatus erlangt. „Das mache ich mir jetzt zunutze.“

          Gleichwohl sieht er durchaus die Gefahr, dass seine Intervention von Muslimen in die Nähe des Karikaturenstreits gerückt werden könnte. In der Frage, ob eine Rushdie-Lesung in der Moschee eine Provokation oder der erste Lackmustest auf die oft beschworene Liberalität der Ditib ist, zeigt sich Wallraff jedoch sehr entschieden: „Es ist tatsächlich ein Lackmustest. Wenn diese Lesung stattfindet, und ich sorge dafür, dass sie stattfindet, dann wird von ihr eine ungemein befreiende Wirkung ausgehen. Stellen Sie sich diese Szene in der Moschee doch nur einmal vor: Es wird gelesen, manche finden das Gehörte gar nicht so schlecht, und es wird vielleicht sogar gelacht. Das würde vieles aufbrechen.“

          „Fordern wir das Unmögliche“

          Während Wallraff nach eigenen Worten „völlig überrascht“ beobachtet, welch große Beachtung sein Vorschlag findet, und erkennbar animiert goldene Worte vergangener Tage zitiert („Seien wir Realisten, fordern wir das Unmögliche“), zeigen sich andere Beobachter skeptischer. Der Kölner Schriftsteller Dieter Wellershoff, der sich unlängst zum Bau der Ehrenfelder Moschee geäußert hat (Dieter Wellershoff: Wofür steht die Kölner Moschee?), sagt: „Die ,Satanischen Verse' in der Moschee zu lesen - das ist ein echter Test. Es wäre erstaunlich, wenn diese Lesung zustandekäme. Aber ich finde es richtig, dass man wie Wallraff Zeichen setzt, die den Muslimen in Deutschland zeigen, dass man sich mit ihnen beschäftigt.“

          Ralph Giordano, der Todesdrohungen erhielt, nachdem er sich gegen den Bau der Kölner Moschee ausgesprochen hatte (siehe auch: Gastbeitrag von Giordano: Nein und dreimal nein!), glaubt nicht an den wallraffschen Lackmustest: „Es gibt ja die Taquyya, die im Islam erlaubte Verstellung und Täuschung bei der Auseinandersetzung mit Ungläubigen. Die Ditib ist für mich die Materialisierung der Taquyya. Egal, wie die Antwort ausfällt: Ehrlich wird sie nicht sein. Allenfalls, wenn die Lesung stattfinden sollte, was ich nicht glaube, ist sie ein Alibi, reine Taktik.“ Auch die Autorin und Islamkritikerin Necla Kelek (siehe: Necla Kelek: Das Minarett ist ein Herrschaftssymbol) glaubt, „dass sich von Seiten der Ditib Taktik dahinter verbergen könnte. Dennoch: Es wäre in jedem Fall ein wichtiges Signal, ein Schritt auf den Westen zu. Ich selbst habe ja mein Buch ,Die fremde Braut' auch in einer Moschee vorgestellt, unter Polizeischutz.“

          „Offen für Streitgespräche“

          Bekir Alboga hat unterdessen gegenüber dieser Zeitung eine Vorstandssitzung der Ditib und ein Gespräch mit Günter Wallraff für diesen Donnerstag angekündigt: „Grundsätzlich sind wir, wie ja die Vergangenheit gezeigt hat, offen für Streitgespräche.“ Wallraff glaubt, dass solche Streitgespräche bislang fast ausschließlich mit säkularisierten Muslimen möglich sind. „Wir müssen aber auch die Moscheegänger erreichen.“ Dann würde auch der Zulauf der Fundamentalisten schwächer: „Wir erleben das letzte Aufbäumen gegen die Globalisierung. In fünfzehn bis zwanzig Jahren ist der Spuk vorüber. Denn die Fundamentalisten haben keine Argumente und zukunftsweisenden Ideen.“

          In der Gegenwart des Jahres 2007 aber lautet die Frage, ob in Deutschland in einer Moschee aus einem Buch vorgelesen darf.

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