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Wahrheitsrechner „Rootclaim“ : Plusminus richtig

Auch ein Weg der Wahrheitsfindung: Jimmy Fallon wuschelt Donald Trump in der „Tonight Show“. Bild: Tonight Show / Youtube

Lässt sich aus den Wahrscheinlichkeiten von Einzelinformationen die Wahrscheinlichkeit von Hypothesen ermitteln? Das israelische Start-up „Rootclaim“ will sich zur Wahrheit rechnen.

          2 Min.

          Im Kampf des 21. Jahrhunderts um die Deutungshoheit auf dem Informationsmeer soll es die Mathematik des 18. Jahrhunderts richten. Das israelische Start-up „Rootclaim“, das die mathematische Wurzel auch im Logo trägt, tritt an, den Menschen als Bewerter von Wahrscheinlichkeiten unterschiedlicher Erklärungen für komplexe Situationen abzulösen. Denn - so das Argument - der Mensch, der bis zu einem gewissen Komplexitätsgrad ein auf Erfahrung basierendes Gespür für die Wahrscheinlichkeit der Dinge hat, habe für Informationen, die nicht seinem Weltbild entsprechen oft wenig übrig. Zunächst ganz unabhängig davon, woher sie kommen. Das zumindest eint die Menschheit.

          Axel Weidemann
          Redakteur im Feuilleton.

          Das Unternehmen Rootclaim, auf das der Journalist Richard Gutjahr gerade in seinem Blog aufmerksam macht (einer der Gründer, Saar Wilf, ist sein Schwager), beschäftigt denn auch keine Journalisten, deren Bewertung von Fakten zwar im besten Fall auf exakten Recherchen und hohen Wahrscheinlichkeiten, in den seltensten Fällen aber auf mathematischen Grundlagen beruht. Stattdessen sammeln bis dato Analysten Informationen zu mehr oder weniger kontroversen Fragen: „Verursachen Masern-, Mumps- und Rötelimpfungen Autismus?“; „Wer hat am 17. Juli 2014 den Malaysia Airlines Flug 17 über der Ukraine abgeschossen?“; „Was verursachte das Verschwinden des Malaysia Airlines Fluges 370?“; „Wer ist für den Giftgasangriff am 21. August im [syrischen] Ghouta verantwortlich?“ oder aber „Was ist die Geschichte hinter Donald Trumps Haaren?“.

          64 Prozent Transplantationswahrscheinlichkeit

          Zur jeweiligen Frage sammelt ein bisher achtköpfiges Team erst einmal alle auffindbaren Beschreibungen, Aussagen und Indizien und versucht, deren Wahrscheinlichkeit zu beziffern. Der Gründer Wilf Saar, der mit seinem Kompagnon Aviv Cohen für Paypal arbeitete und sich als Aufklärer von Kreditkarten-Betrügereien mit der Firma „Fraud Sciences“ einen Namen machte, erklärt im Interview mit Gutjahr: „Wir hatten den Fall eines Leichenfundes. Die Frage war, wurde dieser Mensch umgebracht oder war es Selbstmord. Ein Beweisstück war die Tatsache, dass seine Hand keine Schmauchspuren aufwies.“ Demnach sei die Frage: „Wie hoch ist die Wahrscheinlichkeit, dass er keine Schmauchspuren an der Hand hat, wenn er sich erschossen hat?“ Das lasse sich - in diesem Fall mittels FBI-Datenbank mit „über 1000 Fällen“ recherchieren. „Ausgehend von diesen Daten gab es bei 92 Prozent der Fälle Schmauchspuren, und bei acht Prozent gab es keine.“

          So werde jedes Puzzleteil mit einer prozentualen Wahrscheinlichkeit belegt. Noch wird diese Arbeit durch wenige Analysten erledigt, doch nach den Vorstellungen der Rootclaim-Gründer könnte dies bald auch durch die Unterstützung der „Crowd“ geschehen. Die Masse und deren gegenseitiges Auf-die-Finger-Schauen soll dabei vor Manipulation schützen. Geprüft werde das Ganze jedoch in letzter Instanz durch das Team von Rootclaim. Im Ergebnis werden auf der Website unter der Ausgangsfrage die unterschiedlichen Hypothesen aufgelistet, die im Schwange sind. Vermittels „bayesschem Netz“ (nach dem Pfarrer und Mathematiker Thomas Bayes, 1701- 1761) sollen dann aus den Wahrscheinlichkeiten der Einzelinformationen, die Wahrscheinlichkeiten der jeweiligen Hypothesen ermittelt werden. Am Ende der Recherche steht die mathematische Zauberformel. Bei Trumps Haaren kommt Rootclaim zu dem Ergebnis: Dass Donald Trump eine Haartransplantation hinter sich hat, sei mit 64 Prozent „einigermaßen wahrscheinlich“.

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