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Über Wuhans Wahrheit berichten : Wieso gibt’s Überstunden im Krematorium?

  • -Aktualisiert am

Die letzten Stunden, bevor Li Zehua verschwand, hat er bei Youtube live gestreamt. Bild: Yotube/ Li Zehua/ Screenshot FAZ

Der Journalist Li Zehua wurde verhaftet, weil er über die Wahrheit von Wuhan berichten wollte. Das macht tieftraurig, spendet aber auch Hoffnung. Denn solche jungen Männer und Frauen braucht China. Ein Gastbeitrag.

          3 Min.

          Li Zehua absolvierte die Nationale Universität für Publizistik und präsentierte Fernsehsendungen für den chinesischen Staatssender CCTV. Aber eines Tages umging er die Internetzensur, sah eine Dokumentation über das Massaker auf dem Tienanmen von 1989 und war tief bewegt. Später sah er den Umweltschutz-Dokumentarfilm „Under the Dome“, gedreht von seiner Kollegin Chai Jing. Er kündigte bei CCTV und verfolgte fortan eigene Projekte. Nach dem Ausbruch des Coronavirus in Wuhan eilte er ins Zentrum des Geschehens. Li ist der dritte unabhängige Reporter nach Fang Bin und Chen Qiushi, der in Wuhan verhaftet wurde.

          Bald nach seiner Ankunft in Wuhan hatte Li eine Online-Stellenanzeige für Leichenträger entdeckt: „Das Krematorium von Wuchang in Wuhan benötigt heute Nacht zwanzig zusätzliche Leichenträger. Gesucht werden Personen beiderlei Geschlechts im Alter von sechzehn bis fünfzig Jahren, die Kraft und Mut besitzen und keine Angst vor Gespenstern haben. Arbeitszeit: 0 Uhr bis 4 Uhr, mit kleinen Pausen. Honorar: 4000 Yuan und eine Mahlzeit. Anmeldung: heute Abend vor 23 Uhr an der U-Bahn-Station Xianyang Jia Wan der Linie 2.“

          Live-Schaltung vier Stunden vor Verhaftung

          Und so kam Li Zehua in dieser Nacht ins Krematorium Qingshan. Dort sagte ihm der zuständige Angestellte, der Job als Leichenträger sei mittlerweile im Kurs gefallen: „Kost und Logis, fünfhundert Yuan für die erste Leiche, zweihundert für die zweite, weitere zweihundert für die dritte; wenn Sie vier Leichen schaffen, bekommen Sie 1100 Yuan.“

          Li Zehua machte heimlich Aufnahmen von einer langen Reihe von dröhnenden Öfen, die damals bereits länger als einen Monat Tag und Nacht in Betrieb waren. Li Zehua sagte: Innerhalb von 38 Tagen wurde die offizielle Zahl von verstorbenen Lungenpatienten in Wuhan mit durchschnittlich vierzig pro Tag angegeben. Es waren aber 74 Krematoriumsöfen in Betrieb, das müsste auch bei zehnmal mehr Toten reichen. Wieso brauchte man dann aber noch Überstunden und zusätzliche Arbeitskräfte?

          Am 26.Februar 2020 fuhr Li Zehua auf Recherche in Wuhan zu einem scharf bewachten französisch-chinesischen Labor. Er blieb in seinem Wagen, wurde aber trotzdem von der Staatssicherheit bemerkt und verfolgt. Während der Verfolgungsjagd konnte er noch ungefähr dreißig Sekunden lang filmen, es ist eine hollywoodreife Szene geworden. Er schaffte es schließlich nach Hause, verbarrikadierte die Tür und installierte eine Live-Schaltung mit seinem Computer. Dann begannen vier Stunden, bevor er verhaftet wurde, in denen viele Menschen das Schicksal Li Zehuas live verfolgten, nicht nur die Staatssicherheit in China vor seiner Tür, sondern auch Zuschauer an ihren Handys und Computern, so zum Beispiel ich, der Exilschriftsteller Liao Yiwu in Berlin.

          Wie dürften wir da noch verzweifelt sein?

          Die Geschichte des jungen Reporters Li Zehua macht einen wütend, aber sie macht mich auch tanzen vor Freude. So etwas ist in unserer Heimat, in unseren alten Büchern immer wieder dagewesen. Das ist die Heimat, nach der man sich zurückgesehnt hat, besonders in der Generation meines Vaters: das Land der Seele, der Träume. Nicht das Land der Kommunistischen Partei, nicht das von Mao Tse-tung, Xi Jinping und wie diese materialistischen Hinterwäldler alle heißen.

          Liao Yiwu

          Im Alter von 25 Jahren hat Li Zehua noch den Mut, sich als Hühnerei gegen den Felsen zu werfen. Wie dürften wir da noch verzweifelt sein? Was haben wir, in Freiheit und in Sicherheit, da noch online zu bekritteln, dass der heldenhafte Dr. Li Wenliang, der den Ausbruch der Seuche nicht aufdecken durfte, eine Selbstkritik schreiben musste und dann selbst an der Seuche starb, „nicht mehr Held als viele andere“ gewesen sei?

          Wir müssen uns diese Heimat in unserer Seele wiedererkämpfen. Wir müssen uns den einfachen, gewöhnlichen und richtigen Zorn zurückerkämpfen, aber auch Mitleid und Liebe, also unser einfaches, gewöhnliches Herz, unsere menschliche Natur. Der Dichter und Einsiedler Tao Yuanming schrieb im vierten Jahrhundert über den sagenhaften Attentäter Jing Ke: „Der Edle stirbt für seine Freunde, er nimmt sein Schwert und zieht los.“

          Die Freunde von Li Zehua, das waren die hungrigen Katzen auf den Straßen von Wuhan. Ihre Herrchen und Frauchen waren nicht mehr da. Li Zehua hat sie bemerkt, er hat überall nach abgekochtem Wasser gesucht, hat Instantnudeln zubereitet und sie diesen heimatlosen Tieren hingestellt: „Hallo, ihr Kleinen, kommt nur, ich hab was zu essen...“

          Ich muss ihm danken, diesem Li Zehua, geboren 1995, ein zartes, stilles, sauberes Gesicht. Die Hoffnung der Zukunft ruht auf solchen Menschen. Ich als Schriftsteller darf solche kleinen Tröpfchen Hoffnung notieren, das ist eine große Ehre.

          Liao Yiwu, geboren 1958 in China, ist Schriftsteller. Seit 2011 lebt er im Exil in Berlin, 2012 erhielt er den Friedenspreis des Deutschen Buchhandels. Zuletzt erschien sein Buch „Herr Wang, der Mann, der vor den Panzern stand – Texte aus der chinesischen Wirklichkeit“ (S. Fischer).

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