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Wahre Werte : Diesen Spottpreis hat die Butter nicht verdient

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Mit Goldbarren hat die Butter heute nur noch wenig gemein: Bauern protestieren gegen den Verfall der Butterpreise Bild: picture-alliance / dpa/dpaweb

Die Butterwährung ist ins Bodenlose abgestürzt. Der jetzige Butterpreis ist eine einzige Beleidigung der Arbeit, die hinter ihrer Herstellung steckt. Am Beispiel der Butter erleben wir eine Inflation, die stellvertretend steht für die zunehmende Geringschätzung wahrer Werte.

          Eine herrliche Butter. Leicht gesäuert, gut zu streichen, sattes Butteraroma mit reichlich natürlichem Diacetyl. Wir haben sie im Laden um die Ecke geholt. Ein Supermarkt. Für 65 Cent. Kein Sonderangebot, sondern der reguläre Preis. Kurz zuvor waren es noch 73 Cent gewesen, davor 79 Cent. Die Preise purzeln derzeit wieder. Eine neue Rabattschlacht. So können wir die nächsten Tage unsere Brote fast zum Nulltarif mit einem leckeren Belag versehen. Ein halbes Pfund Deutscher Markenbutter ist ergiebig. Wir überschlagen grob, wie teuer die köstliche Butterschicht auf jeder der mehrere Dutzend Brotscheiben ist, die wir bestreichen werden. Heraus kommt ein verschwindend kleiner Betrag. Zwei, vielleicht drei Cent.

          Anderer Ort, andere Zeit: Ein kleiner Bauernhof im Bayerischen Wald nach dem Ende des Zweiten Weltkrieges. Es ist einer jener zahlreichen Höfe, die nicht genug abwerfen, die Familie zu ernähren. So etwas nennt man Nebenerwerbs-Landwirtschaft. Den Haupterwerb ermöglicht die Glasfabrik am Ort. Aber auf die Landwirtschaft zu verzichten kommt nicht in Frage. Sie liefert unendlich Wertvolles, wirkliche Mittel zum Leben nämlich. Kartoffeln, Eier, Fleisch, Milch – und Butter. Alles Güter, die wenige Jahre zuvor, während des Krieges, begehrt waren wie nichts anderes. Aber auch in Nachkriegszeiten, zumal im ärmlichen Bayerwald, sind es noch Schätze.

          Ohne Heu keine Milch, ohne Milch keine Butter

          Bleiben wir bei der Butter. Also bei jenem Stoff, den wir Cent um Cent auf das Brot schmieren. Butter wird aus Milch gemacht. Milch stammt von Kühen. Kühe brauchen einen Stall, müssen gepflegt und gefüttert werden. Mitunter muss sogar der Tierarzt geholt – und bezahlt – werden. Das ist oft schon am Beginn eines Kuhlebens der Fall. Denn das Kalben verläuft nicht selten mit Komplikationen. Die Kuh ist eben ein Säuger, wie der Mensch. Aber vorerst ist sie ein Kälbchen. Das will Milch, viel Milch. Und es will anderes Futter, viel Futter. Rund eineinhalb Jahre gehen ins Land, bis ein weibliches Kalb zur besamungsreifen Färse herangewachsen ist, und ein weiteres Dreivierteljahr, bis es selbst wieder Nachwuchs hat. Erst jetzt verfügt der Bauer über eine Milchkuh mehr.

          Während wir uns am Butterbrot gütlich tun, kehren die Gedanken zurück an die alltägliche Schinderei auf dem kleinen Bayerwaldhof. Denn dass die Kuh Milch gibt, ist nur die halbe Wahrheit. Sie gibt sie nämlich nur auf eine Gegenleistung hin. Diese besteht auf dem Nebenerwerbshof im Sommer aus Gras. Unmengen von Gras. Es geht um Zentnermengen, täglich. Und das mal vier. Denn so viele Kühe stehen im niedrigen, dunklen Stall. Das Gras mit der Sense mähen, dorthin karren, in die Futtertröge kippen, ausmisten, melken. Weidehaltung kommt nicht in Frage, die Tiere würden zu viel niedertrampeln. Und im Winter? Wieder täglich Unmengen von Futter, diesmal in Form von Heu. Ohne Heu keine Milch, ohne Milch keine Butter.

          Die Butter als Barren

          Das Heu ist erst Gras. Frühmorgens an schönen Sommertagen, wenn die Wiese noch taufeucht ist, rücken Helfer mit der Sense an. Die Stengel von Wiesenfuchsschwanz und Knäulelgras sind hart. Eine Knochenarbeit. Aber als Lohn für Stunden der Plackerei winkt eine Kostbarkeit: Butter. Ein halbes Pfund vielleicht. Als die verschwitzten Mäher sie ausgehändigt bekommen, fragen sie: „Habt ihr morgen noch mal Arbeit?“.

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