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Wahre Geschichten aus der wünschenswerten Zukunft (8) : Grüne Musik

  • -Aktualisiert am

Festivalbesucher Ende Juli auf dem „Greenville Festival“, das im Berliner Umland stattfindet. Bild: dpa

Ob „Green Camping“ auf Festivals oder solarzellenbetriebene Verstärker: Im Popmusik-Business wird das Label „grün“ immer beliebter. Weswegen Ökofrömmelei und organisierte Exzesse gut miteinander können.

          Das ist ja so eine Sache mit den Adjektiven, besonders mit farbigen. Stellt man etwa ein „grün“ vor ein Substantiv, zum Beispiel vor „Landwirtschaft“, „Mobilität“, „Technologie“ oder „Wachstum“, sieht die bezeichnete Sache gleich viel freundlicher aus als vorher. Und zwar ganz unabhängig von der Frage, ob etwa ein „grünes Wachstum“ in einer kapitalistischen Wirtschaft substantiell etwas anderes sein kann als, sagen wir, ein braunes, rosa gestreiftes, lila gepunktetes oder einfach farbloses Wachstum, wie wir es nun schon seit zweihundert Jahren kennen.

          Tatsächlich bleibt die Sache innerhalb derselben Wirtschaftsform immer dieselbe, ganz unabhängig von ihrer Farbgestaltung: Die Steigerung von Ressourceneffizienz ist das Herz kapitalistischer Wirtschaft, denn ohne sie gäbe es keine Erhöhung der Produktivkraft und damit des Mehrwerts. Da bleibt das Adjektiv „grün“ eine Art Sedativ im Angesicht des durchaus beunruhigenden Befundes, dass im globalen Kapitalismus jedes Jahr ein neues Rekordjahr im Material- und Energieverbrauch ist, woran auch die Ergrünung von Bewusstsein, Autowerbung, Parteien und Unternehmensleitbildern so gar nichts ändert. Oder glaubt jemand, dass eine grüne Apokalypse irgendwie besser ist als eine andersfarbige?

          Harald Welzer

          Nun also: „Green Music“. So nennt sich eine Initiative, die vor ein paar Jahren von Jacob Bilabel erfunden wurde. Bilabel, eigentlich Linguist und Kulturanthropologe, kommt aus der Musikbranche und störte sich schon länger daran, dass ausgerechnet das Pop-Business mit seinem großen Einfluss auf Lebensstile und Haltungen völlig desinteressiert an Fragen von Energieverbrauch und Klimawandel war. Dabei ist ja gerade die Musik- und Entertainmentindustrie sehr energieintensiv - ob es um die Produktion oder das Abrufen, Speichern und Abspielen von Musik oder um die Festivals und Tourneen geht.

          Wenn man hier, so die Überlegung von Bilabel, etwas an der gewohnten Praxis drehen könnte, wäre nicht nur eine Menge an Treibhausgasen einzusparen, es könnte auch ein ideales Instrument entstehen, die ganze Klima- und Energiefrage aus der Ecke der Ökofrömmigkeit zu holen und mit Party, Spaß, Subkultur und kontrolliertem Exzess zusammenzubringen.

          Mit dem Sonderzug zum „grünen“ Festival

          Festivals beispielsweise sind ja Ereignisse organisierter Entgrenzung. Hier herrschen andere Zeitbegriffe, Konsumstile und Gemeinschaftsformen vor als unter gesellschaftlichen Normalbedingungen. Wenn man genau da ansetzt und beispielsweise die Leute mit Sonderzügen zum Melt-Festival karrt, in denen man vor Ort dann übernachten kann, oder Tanzflächen installiert, die die Bewegungsenergie der Leute in Strom transformiert, kann man den Erlebnischarakter erhöhen und zugleich den Energieverbrauch reduzieren. Und wenn man das Ganze dann noch - „sunplugged“ - gut verpackt, hat man nicht nur ein energetisch besseres Festival, sondern auch noch eins, das mehr Spaß macht als ein konventionelles. Und der Erfolg gibt der „Green Music Initiative“ recht - die zwanglose Praxis eines besseren Umgangs mit der Welt funktioniert gerade hier, wo vor allem junge Menschen sind, ganz hervorragend.

          So gut, dass die nächsten Schritte auf der Hand lagen: Nicht nur die Festivals, auch die Clubs lassen sich energetisch leicht aufmöbeln: So hat die Green Music Initiative zusammen mit der Energieagentur NRW das „Green Club Project“ gestartet, das durch sehr einfache Maßnahmen, zum Beispiel bei der Getränkekühlung, schnell mal zu 30 Prozent Energieeinsparung führt, ohne dass irgendwo Spaß verlorengeht.

          Extra günstige Energie an der Strombörse

          Und wenn das funktioniert, liegt ein nächster Gedanke nah. Clubs sind nachts geöffnet, Festivals liegen an Wochenenden - also jeweils zu Zeiten geringer Stromnachfrage. Also kann man an der Strombörse exakt für diese Nachfrager extra günstigen Ökostrom einkaufen. Und wenn man das kann, nächster Schritt, kann man ja ebenso gut auch gleich als Ökostromanbieter „Green Music Energy“ verkaufen, zumal noch kein Energieversorger auf die eigentlich naheliegende Idee gekommen ist, dass gerade junge Kunden eine zukunftsfähige Zielgruppe sind. Bilabel arbeitet gerade daran.

          Mittlerweile gibt es eine Menge Clubbetreiber, DJs und Musiker, die sich Green Music zu eigen gemacht haben. Nirgendwo anders lässt sich besser nachweisen, dass die Veränderung von Lebensstilen keine Angelegenheit von Verzicht ist, sondern von sozialer Intelligenz, die Spaß macht und Phantasie weckt. Vielleicht entsteht daraus dann mehr als etwas Grünes: ein Modell von Leben, das keine Expansion braucht, um gut zu sein. Und Bilabels rastlos sich erweiterndes Aktionsspektrum zeigt auch noch etwas anderes: dass Veränderung von Lebensstilen und das Nutzen von Handlungsspielräumen vor allem eine Sache der Übung ist: wenn man mal anfängt, wird man schnell besser und kann von den leichten Übungen schnell zu den anspruchsvolleren übergehen. Und das kann dann plötzlich ziemlich cool aussehen.

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