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Wahre Geschichten aus der wünschenswerten Zukunft (6) : Die unsichtbare Stadt

  • -Aktualisiert am

So sehen Stadtplanung und Quartiersmanagement im ungünstigsten Fall aus: Bauliche Tristesse und keine Menschen mehr, die unterwegs sind. Bild: Frank Röth

Wenn es um Baumaßnahmen im Viertel geht, sind Stadtplaner die eigentlichen Fremden. Man muss den Bewohnern vor Ort zuhören, um ihre Gegend als Möglichkeitsraum zu verstehen.

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          In den zwanziger Jahren setzten Sozialreformer in Chicago und anderen amerikanischen Städten ein Programm durch, das den wuchernden Slums mit sogenannten Housing-projects ein Ende machen sollte - mit der Errichtung von komfort- und hygienemäßig anständigen Quartieren, die sowohl die Kriminalitätsstatistik als auch die Lebensqualität der Bewohner erheblich verbessern sollten.

          Beides ging schief. Warum? Weil die verordneten Housings die gewachsenen Sozialstrukturen und von außen unsichtbaren Hilfenetze und Gemeinschaftsformen zerstörten, weshalb die neuen Viertel rasant verwahrlosten und noch mehr zu No-go-Areas wurden als die alten. Die Sozialingenieure hatten übersehen, dass sich in den chaotisch scheinenden Slums intern höchst funktionale Strukturen ausgebildet hatten, die den Leuten halfen, ihr schwieriges Leben einigermaßen zu meistern. Duschbad und Innentoilette waren kein Ersatz für Schutz gegenüber prügelnden Ehemännern oder die Freude des gemeinsamen Kochens.

          Keine Ahnung von den Sozialformen vor Ort

          Diese Lehre aus der Frühzeit der Sozialpsychologie scheint heute längst vergessen. Deswegen spricht man von „Implementierungsproblemen“, wenn man Projekte wie Energiewenden, neue Bahnhöfe oder Flughäfen umsetzen will und sich darüber wundert, wenn die Leute diese Veränderungen manchmal gar nicht wollen. Die modernste Version sozialtechnokratischen Denkens heißt „die Menschen mitnehmen“, und da kommt die Frage gar nicht erst auf, warum zum Himmel ebendiese Menschen denn wohl von irgendwem mitgenommen werden wollten. Stattdessen sprechen die unerbetenen Mitnehmer von „Wutbürgern“ oder „Nimbys“ („Not-in-my-Backyard“), wenn ihre Beglückungen frecherweise einfach abgelehnt werden. Dabei wären Stadtsanierungsvorhaben genauso wie Energiewenden viel leichter zu realisieren, wenn man einfach davon ausginge, dass diejenigen, die irgendwo wohnen, die Experten für die Strukturen ihrer Lebenswelt sind, während die Planer als fremde Besucher zunächst einmal keine Ahnung von den Kompetenzen und Sozialformen vor Ort haben.

          Harald Welzer

          Diese umgekehrte Definition von Experten und Laien liegt dem Projekt „Stadt (er)finden“ zugrunde, das die Architektin Saskia Hebert zusammen mit ihren Studierenden von der Universität der Künste in Berlin durchführt. In Zusammenarbeit mit dem Bezirksamt Lichtenberg geht es darum, ein sogenanntes Stadtumbaugebiet ganz anders zu erschließen als gewöhnlich. In Teams aus „Externen“ (das sind beispielsweise Architekten, Planer und Künstler) und „Experten“ (Kinder, Rentner, Familien, Kioskbesitzer und so weiter) wird die unsichtbare Topographie des Viertels erschlossen, bevor man über die Umgestaltung der Orte nachdenkt. Hebert geht es zunächst also nicht um die Orte im physischen Sinne, sondern um jene biographischen und utopischen Orte, die Stadtviertel immer für diejenigen sind, die in ihnen leben und aufwachsen. In gemeinsamen Spaziergängen, Gesprächen über Fotoalben oder Stadtpläne erfahren die „Externen“ auf diese Weise, welche Häuser und Straßenecken welche Geschichten erzählen und weshalb sie trotz augenscheinlicher Hässlichkeit oder Verwahrlosung für die Stadt enorm wichtig sind.

          Der Kiosk ist die Zentralstelle für die Verteilung von Informationen, die alte Schule der uneinnehmbare Spielplatz und das alte Kino ein Sehnsuchtsort. „So etwas müsste man eigentlich mal vorschlagen“, sagt etwa der zwölf Jahre alte Alex Pecenjuk, „baufällige Ruinen! Die man nicht abreißt. Wo Kinder ruhig reinkönnen. Wie die alte Schule: Da ’nen Zaun rummachen und ein Schild dran, ,Betreten verboten’, aber da kann man keine Strafe für bekommen.“ Solche Sätze vermessen die städtische Wirklichkeit weit genauer als Laseroptiken. Ins Planerdeutsch übersetzt, schlägt Alex ja „Zwischennutzungen“ vor, ohne je von der Existenz solcher Konzepte gewusst zu haben. Genauso lernt man von den Leuten, wo eine Bar hin müsste und wo die Zentrale des Fahrdienstes, und man lernt, was nicht umgebaut und saniert werden muss, weil es über alle sozialen Veränderungen hinweg funktioniert und seinen Stellenwert behalten hat. Das ist ein Ansatz, der weit über „Partizipation“ und „runde Tische“ hinausgeht.

          „Denn Stadt“, sagt Hebert, „ist kein Konsensmodell, sondern eine Differenzmaschine.“ Sie meint damit, dass die Stadt nur funktionieren kann, wenn sie die verschiedenen Zeit- und Erfahrungsschichten als Ressource von Identität und erst damit von Entwicklung begreift. „Raumzeugen“ wie der kleine Alex haben viel zur Kraft lokaler Kulturen und ihrer Zerbrechlichkeit gegenüber Eingriffen von außen zu sagen. Sie liefern das Material für eine Karte des unsichtbaren Stadtteils, dessen Bewohner man nirgendwohin mitnehmen, sondern denen man lediglich zuhören muss, um das Stadtviertel als Möglichkeitsraum zu verstehen.

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