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Wahre Geschichten aus der wünschenswerten Zukunft (4) : Wir sind die 99 Prozent

  • -Aktualisiert am

Die Recyclingquote von Adamec liegt bei 95 Prozent, Ziel sind 99. Bild: AFP

Alles begann mit einem Gartenhäcksler. Das Unternehmen Adamec ist spezialisiert auf die Wiedergewinnung von Kunststoff, Aluminium, Kupfer und Eisen aus Elektroschrott. Dass seine Tüftelei „öko“ ist, wurde dem Gründer erst nach und nach klar.

          Thomas Adamec nennt sich einen „Bastler“. Das muss stark untertrieben finden, wer vor der Anlage steht, die Adamec in den letzten fünfzehn Jahren in der fränkischen Stadt Fürth entwickelt und gebaut hat. Tausend Quadratmeter Platz braucht sie, tausend weitere erfordern Belieferung und Bedienung; sie ragt mehrere Stockwerke in die Höhe und übertrifft alle Erwartungen, die die zurückhaltende Bezeichnung „Anlage“ geweckt hat. Mehr als zweihundert einzelne Maschinen sind es, aus denen die kapitale „Verbundstoff-Elektronikschrott-Recycling-Anlage“ besteht. Sie kann aus Fritteusen, Videospielkonsolen, Heißgetränkeautomaten oder Klimaanlagen wieder Kunststoff, Aluminium, Kupfer, Eisen machen. Die Recyclingquote liegt bei 95 Prozent, Ziel sind 99.

          Etwas Vergleichbares gibt es nicht. Um zu verstehen, was Adamecs Anlage so besonders macht, muss man wissen, wie mit Elektronikschrott konventionell umgegangen wird. In Deutschland werden Elektroaltgeräte - vom Mobiltelefon bis zum Geldautomaten - von Kommunen oder Elektronikherstellern an Recycling-Unternehmen verkauft. Die konzentrieren sich darauf, die Altgeräte in Bruchteile zu zerlegen und diese dann grob nach ihren Hauptkomponenten zu sortieren. Anschließend werden die Teile zu weiteren, oft Hunderte Kilometer entfernten Betrieben transportiert, die auf die Verwertung von nur einem Inhaltsstoff spezialisiert sind. Der Eisenverwerter isoliert Eisen, der Kupferverwerter Kupfer; die übrigen noch enthaltenen Metalle und Kunststoffe sind für sie Müll.

          Harald Welzer

          Und das war noch die schöne Variante. Im globalen Maßstab landen all die großartigen Ex-Laptops, -Bildschirme und -Mikrowellenherde ja vor allem in Drittweltländern, wo Tagelöhner ihre Gesundheit und ihre Umwelt ruinieren, indem sie den Kram mit Hammer, Bunsenbrenner oder Säure auseinandernehmen.

          Mit alldem räumt Thomas Adamecs Anlage auf. Sie trennt die metallischen Bestandteile so präzise, dass Eisen, Kupfer, Aluminium ohne weiteren Zwischenschritt an Gießereien, Elektrostahl- und Metallwerke geliefert werden können. Die Paradedisziplin der Anlage ist jedoch die Trennung flammschutzfreier von halogenhaltigen Kunststoffen: Dadurch können nun alle unbelasteten Kunststoffe weiterverwertet werden.

          Aber zurück zum Anfang: Wieso nennt Adamec sich eigentlich Bastler? Weil es ihm als Sohn eines Ein-Mann-Schrottunternehmers schon immer ums Auseinandernehmen und Aufbereiten ging. Sein Vater hatte den Schrott zusammengelassen und weiterverkauft; er, der Sohn, habe dagegen bald erste Zerkleinerungsversuche unternommen, zunächst mit dem Gartenhäcksler.

          Das ist, grob gesagt, das, was die Branche heute noch macht. Adamec tüftelte fünfzehn Jahre lang an Röntgen- und Induktionstechniken, Mahlwerken und Kameras, schaltete hintereinander, baute um, testete. Das monströse Maschinenkonglomerat läuft seit Anfang 2011 auf einem eigens dafür erworbenen Grundstück in einem Industriegebiet.

          Wie sich aus den aktuell nicht verwertbaren fünf Prozent, einem Staubgemisch, noch seltene Erden filtern lassen können, das testet der Unternehmer derzeit zusammen mit dem Hamburger Analyseinstitut Ökopol; eine weitere Forschungskooperation mit der Fraunhofer Gesellschaft widmet sich der Befreiung belasteter Kunststoffe von Flammschutzmitteln - zum Beispiel Chlor oder Brom -, um auch deren Bestandteile wieder als Werkstoffe zur Verfügung stellen zu können. Thomas Adamec kann sich auch vorstellen, sein Produkt irgendwann serienmäßig zu produzieren. Ein Wirtschaftsforschungsunternehmen taxiert den weltweiten Bedarf an Anlagen wie der in Fürth auf zehntausend Stück.

          Dass seine Recycling-Tüftelei „öko“ ist, ist Adamec erst nach und nach klargeworden; anfangs habe ihn vor allem seine Faszination für die Technik geleitet. Mittlerweile begeistert ihn aber, dass seine Erfindung einen gewaltigen Schritt zu einer Kreislaufwirtschaft darstellen könnte. Ob er stolz auf seine Erfindung ist? „Nein“, winkt er ab, „eine Erfindung habe ich ja nicht gemacht, die Maschinen gibt es doch alle auf dem Markt zu kaufen. Wir haben nur hier und da was umgebaut.“

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