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Frankreichs Wahlkampf : Die Weißwäscher von Vichy sind am Werk

Eric Zemmour im Wahlkampf. Bild: Getty

Der französische Wahlkampf ist auch ein Stellungskrieg um die Deutung der eigenen Geschichte. Marine Le Pen wird von Eric Zemmour rechts überholt, Emmanuel Macron besetzt die bürgerliche Mitte. Doch folgt die ihm?

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          Über die Wahl des französischen Präsidenten 2022 gibt es bereits einen Roman: In „Unterwerfung“ prophezeite Michel Houellebecq vor sieben Jahren den Einzug der Muslime in den Elysée-Palast. Ausgeliefert wurde das Buch am Tag des Attentats auf die Redaktion des Satiremagazins „Charlie Hebdo“, an diesem Tag war Houellebecq auf dem Cover zu sehen. Die Karikaturisten starben, der Schriftsteller musste untertauchen. Im selben Jahr erfüllte der Terror Paris. Bei den Regionalwahlen im Dezember erreichte der rechtspopulistische Front National vierzig Prozent. Es war der Beginn des Niedergangs des damaligen Präsidenten François Hollande und zugleich des Aufstiegs seines Finanzministers. Die Rolle von Emmanuel Macron hat Houellebecq in „Unterwerfung“ nicht vorausgeahnt.

          Jürg Altwegg
          Freier Autor im Feuilleton.

          Macron verkörperte damals ein Heilsversprechen, die Erlösung von Links und Rechts. Er wurde als „président-philo­sophe“ gefeiert. Seine Strategie für die Wiederwahl in diesem Jahr sollte auf eine Neuauflage des Duells gegen die Rechtspopulistin Marine Le Pen angelegt sein. Aber seit ein paar Wochen ist alles ganz anders. Marine Le Pen wird von Eric Zemmour rechts überholt, die Meinungsumfragen bescheinigen den Rechtsextremen 35 Prozent. Ihren Zusammenschluss mit den linken Souveränisten betreibt der Philosoph Michel Onfray, Herausgeber der Zeitschrift „Le Front populaire“. Die Souveränisten, die sich in der Vergangenheit der Anerkennung der Verbrechen von Vichy verweigerten, wollen die Nation vor ihrer Auflösung in der EU und der Globalisierung retten.

          Der französische Präsident Emmanuel Macron am 20. Januar in Paris
          Der französische Präsident Emmanuel Macron am 20. Januar in Paris : Bild: Reuters

          Seit Jahren verspricht Zemmour ein Gegengift zur Ideologie des Büßens und Bewältigens, ein Verbot aller Gender-Quoten und inklusiven Schreibweisen. Auf seinem Programm steht die Abschaffung der Rassismus-Strafnormen und der sogenannten Erinnerungsgesetze, die die Leugnung von Genoziden unter Strafe stellen. Der Historiker Marcel Gauchet vergleicht Zemmours Äußerungen mit Trumps Fake News: „Man weiß, dass sie falsch sind. Aber sie sorgen für Aufmerksamkeit bei den linken Journalisten. Es funktioniert jedes Mal.“

          Marine Le Pen und die Neue Rechte

          Längst hat die Neue Rechte die Intellektuellen erreicht. Aber mit Marine Le Pen, die bei den Wahlen im vergangenen Sommer keine einzige Region gewann, schien die politische Machtübernahme unmöglich. Diese Einsicht muss den Journalisten Zemmour von seiner eigenen Kandidatur überzeugt haben: ein Jude, der in die Rolle des Weißwäschers von Vichy schlüpft. In seiner Version der Geschichte will Zemmour Charles de Gaulle mit dem Hitler-Kollaborateur Philippe Pétain versöhnen, von dem er behauptet, er habe die französischen Juden nicht deportiert, sondern beschützt. Zemmour, der dafür schon vor Gericht stand, macht den Wahlkampf so zum Stellungskrieg um die französische Vergangenheit.

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