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Wahlkampf der Gespenster : Die große politische Leistungsverweigerung

  • -Aktualisiert am

Der Clown von Northampton erschien am Freitag, dem 13., und wurde zu einem weltweiten Internetphänomen Bild: action press

In allen Branchen erwarten wir hierzulande höchste Leistungen. Ausgerechnet der Bundestagswahlkampf aber verfehlte die zentralen Themen unserer Zeit. Er fuhr lieber mit der Geisterbahn.

          5 Min.

          Seit einigen Tagen kennt die ganze digitalisierte Welt das Städtchen Northampton. Eines Abends, es war Freitag, der 13., erschien an einer Straßenecke ein Clown in voller Montur, hielt ein Bündel Luftballons und winkte. Weiter geschah nichts. Ein Foto davon wurde in ein soziales Netzwerk gestellt, die Sache verbreitete sich. Die Leute fühlten sich an Stephen King erinnert und empfanden beim Betrachten des harmlosen Fotos einen leichten Grusel. Auf Facebook wurde dem Northamptoner Clown eine Seite eingerichtet, 130.000 Mal wurde auf ihr der „Gefällt mir“-Knopf betätigt. Dann begann sich das Blatt zu wenden. Es beschwerten sich Personen, die angaben, unter einer seelischen Störung, der übertriebenen Furcht von Clowns, Coulrophobie genannt, zu leiden. Manche sahen in seinem Herumstehen an der Straßenecke eine Provokation, mehr noch: eine Drohung.

          Als Reaktion auf den Clown meldete sich jemand mit dem Namen „Boris, der Clownfänger“ und kündigte an, dem Treiben des Narren ein gewalttätiges Ende zu setzen, bevor es richtig begonnen hatte. Geschehen war überhaupt nichts, aber innerhalb weniger Tage hatte jede Nachrichten- und Unterhaltungswebsite der Welt ein Foto des Clowns und einen kleinen Bericht gebracht. In den Kommentarspalten ergingen sich die Nutzer über das Für und Wider von Clowns, schilderten ihre Freude oder bezeugten ihre Furcht. Schließlich meldete sich der Mann selbst zu Wort. Er wollte anonym bleiben und schilderte der Lokalzeitung seine Motivation: die Leute mit leichtem Grusel zu unterhalten. Und er wollte damit weitermachen, solange noch Interesse bestehe.

          Schwierigkeiten mit der Fokussierung

          Der Clown von Northampton, den die am meisten gelesene Website der Welt, dailymail.co.uk, als einzigartiges globales Internetphänomen preist, ist völlig harmlos. Das ganze Phänomen zeugt von der überragenden Fähigkeit unserer globalen, interaktiven, digitalen Mediensysteme, aus nahezu allem spontan ein Fest der Irrelevanz zu veranstalten. Der ernstzunehmende Resonanzboden solch einer Sache sind diffuse, negative Gefühle – Furcht, Hass, Sorge, Wut –, die einen Gegenstand suchen, um sich äußern zu können. Je vager, desto besser. Unsere Gegenwart ist voller solcher schematischen Bilder und geisterhafter Themen, leider auch im politischen Leben.

          Ein Tag vor der Bundestagswahl stehen wir vor dem Resultat eines eklatanten, philosophischen Versagens: Es gelingt derzeit nicht, die wichtigen Fragen von den unwichtigen zu trennen, die Aufmerksamkeit zu fokussieren und den Kopf klar zu bekommen. Wer am vergangenen Donnerstagabend die Berliner Runde sah, hatte eigentlich einen ganz guten Eindruck davon, wie dieser Wahlkampf war. In der ersten halben Stunde redeten Personen, von denen einige ihre politische Zukunft hinter sich haben, lange über Themen, von denen sich nahezu alle einig waren, dass sie keine sind. Die Aufarbeitung der Göttinger Kommunalwahl der frühen achtziger Jahre unter besonderer Berücksichtigung möglicher kinderschänderischer Absichten ist aller juristischen und geschichtswissenschaftlichen Ehren und Mühen wert, aber sie hat in einem Bundestagswahlkampf nichts verloren. Es waren sich auch alle einig, dass das Thema im Wahlkampf nicht gewinnbringend erörtert werden kann; geredet wurde trotzdem darüber.

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