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Schöner zählen : Fälschungstraining für russische Wahlhelfer

Aber bitte mit Augenmaß: Am Sonntag in einem Wahllokal in St. Petersburg Bild: dpa

Einen Namen nennen, einen anderen ankreuzen, aber bitte mit Augenmaß: In Petersburg erklärte ein Experte vor der Gouverneurswahl, wie man selbst engagierte Wahlbeobachter austrickst.

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          Am Sonntag fanden in vielen Regionen Russlands Kommunal- und Gouverneurswahlen statt, bei denen die Abwehrmanöver der Machtstrukturen gegenüber der Zivilgesellschaft einem Katz-und-Maus-Spiel ähnelten. In Moskau und Sankt Petersburg, wo die zivilgesellschaftlichen Mäuse sehr aktiv sind, sind auch die Katzen der Staatsautorität einfallsreich.

          Kerstin Holm

          Redakteurin im Feuilleton.

          Um es etwa Oppositionellen unmöglich zu machen, für einen Sitz in der Moskauer Duma zu kandidieren, verlangten die Behörden, innerhalb von wenigen Tagen mehr als fünftausend Unterschriften von Unterstützern vorzulegen. Als das etlichen unabhängigen Politikern gelang, behaupteten „Experten“ der Wahlkommission kurzerhand, dass viele davon gefälscht oder die Unterzeichner gestorben seien. Die Proteste, die das hervorrief, wurden brutal niedergeschlagen, und von den Hunderten Verhafteten wurden noch vor den Wahlen sechs Demonstranten zu mehrjährigen Gefängnisstrafen verurteilt.

          Es droht der Verlust von Prämien

          Die Wahlbeteiligung überlässt man nicht dem Zufall. Das Nachrichtenportal „meduza“ erklärte jetzt, wie Mitarbeiter des öffentlichen Dienstes verpflichtet werden, ihre Kollegen zum Wählen zu animieren und selbst mit Familienangehörigen im Wahllokal zu erscheinen. Sonst droht ihnen der Verlust von Prämien. Aus dem gleichen Grund mobilisieren Schulleiter die Eltern von Schülern, Krankenhausärzte ihre Patienten, und Universitätsdozenten drohen Studenten Prüfungsprobleme an, sollten sie nicht wählen.

          In Petersburg, wo bei der Gouverneurswahl kundige und engagierte Wahlbeobachter erwartet wurden, erhielten Wahlhelfer zuvor Besuch von einem Experten, der ihnen beibrachte, wie man Beobachter austrickst. Bei seinem Vortrag, der der Zeitung „Nowaya gazeta“ zugespielt wurde, erklärt der gutgelaunte Mann, dessen Stimme an einen amerikanischen Missionar denken lässt, das Einwerfen zusätzlicher Stimmzettel sei am geschicktesten von Wahlhelfern zu praktizieren, die betagte Wähler zu Hause aufsuchten.

          Beim Stimmenzählen empfahl der Experte eine Methode, bei der ein Kollege den Namen des tatsächlich angekreuzten Kandidaten vorliest, ein zweiter aber den jeweils anderen Namen aufschreibt. Die meisten Beobachter, so versicherte er, würden das nicht merken. Der Trainer empfahl zugleich, mit Augenmaß zu manipulieren, ein übertriebener Vorsprung des Kreml-Kandidaten sei „unschön“. Das schlimmste Problem seien die engagierten Beobachter, die der Experte mit einem Seufzer als „Skandalisten“ bezeichnete, weil sie die Tricks durchschauten. Gegen solche Leute könne man sich nur wehren, lernten die Wahlhelfer, indem man ihre Vorwürfe und Forderungen, etwa Videoaufzeichnungen einzusehen, als „illegal“ zurückweise.

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