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Wahlberichterstatter : Hoch sollen sie rechnen!

  • Aktualisiert am

Strenge Tante: Thomas Roth, ARD Bild: picture-alliance / dpa

Der Wanderzirkus der Wahlberichterstatter ist wieder da: Sie schalten in Parteizentralen, präsentieren Hochrechnungen, drängeln mit unliebsamen Koalitionsfragen und schauen seriös. Ein Blick auf das Personal des Abends.

          Der Wanderzirkus der Wahlberichterstatter ist wieder da - ein Blick auf das Personal des Abends.

          Thomas Roth, ARD

          Als Thomas Roth noch Korrespondent in Rußland war, sah er, mit seinem weißen Bart, den weißen, langen Haaren, auch sommers so aus wie Väterchen Frost - die beiden, Roth und Rußland, schienen gut zueinander zu passen, und die leichte Besorgnis in seiner Stimme war den besorgniserregenden Zuständen ja ganz angemessen. Jetzt sendet Roth aus Berlin, der Bart ist geblieben, die Besorgtheit auch, aber wenn Roth mit den Berliner Politikern spricht, wirkt er wie die strenge, kinderlos gebliebene Tante, die sich darüber empört, daß der Neffe nicht genügend Klavier übt und mit einer Drei in Französisch nach Hause gekommen ist: Was heißt eigentlich „onduliert“ auf russisch? Vor der Kamera trägt Roth immer Anzüge, die ein bißchen zu schwarz, zu fein, zu feierlich sind fürs politische Alltagsgeschäft, und die Botschaft ist anscheinend die: Für andere mag die Politik ein Kampf sein oder ein Geschäft - Roth wohnt ihr bei, als wäre sie die Totenfeier des Schönen, Wahren, Guten. Wenn die Kameras abgeschaltet werden, muß Roth das sogenannte Hauptstadtstudio der ARD leiten, das ist ein großes Haus, welches man im Fernsehen aber selten sieht. Wir wissen nicht, was genau Roth da zu tun hat, aber es ist sehr wahrscheinlich, daß er Reiseanträge unterschreiben, Spesenrechnungen gegenzeichnen und den Dienstplan des Sekretariats überarbeiten muß, und daß einer wie er in diesen Stunden dann am Guten und Wahren zu zweifeln beginnt, das ist doch sehr verständlich.

          Kein ganz schlechter Mensch: Jörg Schönenborn, ARD

          Jörg Schönenborn, ARD

          Es gibt Leute, die halten den hageren Mann, der im Ersten immer die Umfragen und Hochrechnungen präsentiert, für einen kleinen Hilfsmoderator. Vielleicht ist das gar kein Nachteil, daß man in ihm nicht den Chefredakteur des WDR sieht. Denn die Chefredakteure der ARD treten auf dem Schirm üblicherweise als Wichtigtuer auf: Als „Tagesthemen“-Kommentatoren, als an Wahlabenden Wichtigkeit und Unfähigkeit demonstrierende Interviewer. Während die anderen warten müssen, bis wieder eine Wahl in ihre Zuständigkeit fällt, bekommt Schönenborn immer dann Bildschirmpräsenz, wenn es um Zahlen geht. Das ist bekanntlich bei jeder Wahl der Fall, dennoch nervt er dabei nicht halb so sehr.

          Ausgerechnet bei der entscheidenden Wahl in Nordrhein-Westfalen im Frühjahr stand Schönenborn vor der Entscheidung: Sollte er das Zahlenpräsentieren seinem Stellvertreter überlassen und die ihm zustehende Rolle des Vergeblich-zu-Koalitionsaussagen-Drängers übernehmen? Damit hätte er demonstriert, daß das Hochrechnungenpräsentieren doch nur die zweitwichtigste Aufgabe an so einem Abend ist. Schönenborn entschied sich (unerhört in der ARD), die Moderation des Abends Frank Plasberg zu überlassen. Das kann kein ganz schlechter Mensch sein.

          Bettina Schausten, ZDF

          Es war ein Segen, als Bettina Schausten im Politbarometer erschien, schon weil gleichzeitig Thomas Bellut verschwand - die Älteren unter uns erinnern sich vielleicht noch: Das war der Mann, der „Punkt“ sagte, wenn er „Komma“ meinte. Frau Schausten sagt Siebenkommazwei Prozent, wenn sie von der FDP spricht, und wo Bellut immer versuchte, einen Mann zu spielen, dem keiner etwas vormachen konnte, weil er uns, die Zuschauer, ja aufgrund seines Amtes absolut durchschaut hatte, da scheint seiner Nachfolgerin solche Indiskretion immer ein bißchen peinlich zu sein.

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