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Stichwahl in Österreich : Der Verrat am weltoffenen Land

  • -Aktualisiert am

Wird er im Hintergrund bleiben? FPÖ-Kandidat Norbert Hofer Bild: dpa

Österreich wählt einen neuen Bundespräsidenten. Ist die FPÖ in der Mitte angekommen? Oder sind die Wähler nach rechts gerückt? Ein Gastbeitrag.

          6 Min.

          Manchmal liegen Wunschtraum und Albtraum nahe beisammen. Wovon in Österreich heute gar nicht so wenige träumen: Am 10. Juli steht unsere Fußballnationalmannschaft in Paris im Finale der Europameisterschaften. Und was ziemlich viele fürchten: Patriotisch feuert der zwei Tage vorher angetretene neue Bundespräsident Norbert Hofer auf der Ehrentribüne eine Mannschaft an, die es gar nicht geben würde, wenn die Österreicher schon vor 25 Jahren auf ihn und seine Partei gehört hätten.

          In den achtziger Jahren waren Tausende Serben aus dem Krisenstaat Jugoslawien nach Österreich gezogen, in den Neunzigern kamen Zehntausende Bosnier hinzu, die der blutige Zerfallskrieg ihres Landes in die Flucht zwang. Die Freiheitliche Partei Österreichs hat schon früh gegen die Gastarbeiter, die als Sozialschmarotzer denunziert wurden, mobil gemacht, und erst recht ist sie gegen die Flüchtlinge, die vor dem Krieg flohen, gleich mit schwerem ideologischem Geschütz aufgefahren.

          Wenn es damals nach der FPÖ gegangen wäre, in der sich der junge Norbert Hofer gerade seine ersten Meriten erwarb, dann hätten die Bosnier, Serben, Kroaten entweder gar nicht ins Land einreisen dürfen oder wenigstens nur befristetes Bleiberecht erhalten. Und die österreichische Nationalmannschaft wäre heute, was sie fast vier Jahrzehnte lang war, ein Mittelständler der europäischen Unterliga – denn Spieler wie Zlatko Junuzovic, Marko Arnautovic, Aleksandar Dragovic oder gar David Alaba, die heute mit ihrem Talent und ihrer familiären Migrationsgeschichte das neue österreichische Fußballwunder repräsentieren, wären nicht in Österreich aufgewachsen, sondern vielleicht Holländer, Schweizer oder Schweden geworden.

          Mit einem Doppelschlag zum Teufel?

          Am 14.Juni findet das erste Spiel der Österreicher in der Gruppe F übrigens gegen Ungarn statt. Gut möglich, dass die ungarische Mannschaft in Bordeaux schon von dem obersten Hobbyfußballer des Landes, Viktor Orbán, unterstützt wird. Dass die „Orbánisierung“ Österreichs bevorstehe, behaupten neuerdings viele, die sich um Österreich Sorgen machen, nicht zuletzt auch in Österreich selbst.

          Ist das Land, hundert Jahre nach dem Zusammenbruch der Donaumonarchie, wirklich dabei, sich wieder mit einer Reihe von Staaten zu verbinden, die einst allesamt zum Reich der Habsburger gehörten und heute, gleich ob sie von linken oder rechten Regierungen geführt werden, ihre autoritäre Wende vollziehen? Mit dem nationalkatholischen Polen des Jaroslaw Kaczynski, der Slowakei des xenophoben Sozialdemokraten Robert Fico, dem Ungarn Orbáns, der mit seinem Chauvinismus eitel Parade hält, oder mit einem Kroatien, dessen Regierung mehr damit beschäftigt ist, den Ustascha-Faschismus zu rehabilitieren, als die ökonomischen und sozialen Probleme des Landes anzugehen?

          Im April haben viele in Österreich ratlos zur Kenntnis nehmen müssen, dass der Kandidat der FPÖ im ersten Wahlgang über 35 Prozent erhielt. Seither liegt eine merkwürdige Stimmung über dem Land. Die einen scheinen defätistisch bereits resigniert zu haben und gehen nicht nur von einem sicheren Sieg des im Auftreten gewinnenden und rhetorisch versierten Norbert Hofer bei der Stichwahl am 22. Mai aus, sondern auch davon, dass der nächste Bundeskanzler der ungleich gröbere, sprachlich ungelenke Heinz-Christian Strache sein und die Zweite Republik gleichsam mit einem Doppelschlag zum Teufel gehen werde.

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