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Wahl in Nordirland : Selbst die Grenze hat eine Stimme

Der britische Premierminister Boris Johnson während eines Wahlkampf-Termins in einer Chips-Fabrik im nordirischen County Armagh Bild: AFP

In Nordirland hilft nur noch Galgenhumor: Die britische Provinz fühlt sich von allen Seiten verkauft. Die bitterste Ironie ist die Zwickmühle, in die Boris Johnson die nordirischen Konservativen gebracht hat.

  • -Aktualisiert am
          5 Min.

          Die Zeit, so scheint es mitunter, ist an der nordirisch-protestantischen Democratic Unionist Party (DUP) vorbeigegangen. Als belagerte Minderheit auf einer Insel, in der die Sympathien eher bei den katholischen Nationalisten liegen, hat die inzwischen größte unionistische Partei eine Bunkermentalität entfaltet und sich ein dickes Fell zugelegt. Sie scheut sich nicht, stur und borniert Positionen zu beziehen, die andere Parteien unter gesellschaftlichem Druck längst als unhaltbar ansehen.

          Gina Thomas

          Feuilletonkorrespondentin mit Sitz in London.

          Abgesehen von ihrer Daseinsmission, ein vereinigtes Irland zu verhindern und die Union mit dem Vereinigten Königreich aufrecht zu erhalten, sind es meist sozialkonservative Gegenpositionen: Die DUP widersetzt sich der Abtreibung und der Ehe für alle. Führende Mitglieder der Partei befürworten die Todesstrafe und fordern, dass der Kreationismus in Schulen unterrichtet werden soll. Ihr ehemaliger Umweltminister in der seit fast drei Jahren suspendierten nordischen Regionalregierung hält Ausgaben zur Bekämpfung des Klimawandels für Schwindel und tut Klima-Aktivisten als Anhänger einer „pseudo-hysterischen Religion“ ab.

          Der puritanisch-biblische Biedersinn der DUP hat die kleine Partei, die durch den Brexit aus der nordirischen Provinz ins Zentrum der Politik katapultiert wurde (als das die konservative Minderheitsregierung stützende Zünglein an der Waage), unbeliebt gemacht. Sie ist Zielscheibe des Spotts in einem konfliktreichen Umfeld, das sich gern des Humors als Traumatherapie bedient. Pünktlich zum Auftakt des Wahlkampfes ist die DUP in Belfast zum Hauptprotagonisten der neuen Oper „Abomination“ des nordirischen Komponisten Conor Mitchell geworden. Jedes Wort des Librettos zitiert Äußerungen von DUP-Politikern aus den letzten vierzig Jahren.

          Den Anstoß gab für Mitchell ein Radiogespräch, das vor acht Jahren mit der Politikerin Iris Robinson geführt wurde, am Tag, nachdem ihr Mann Peter Robinson den Posten des Ersten Ministers der nordirischen Regierung angetreten hatte. Darin bezeichnete Frau Robinson die Homosexualität als „Abomination“ (Abscheulichkeit), die durch psychiatrische Behandlung jedoch kuriert werden könnte. Zwei Jahre später kam heraus, dass die damals fast sechzigjährige wiedergeborene christliche Moralapostelin zum Zeitpunkt dieses Gesprächs eine außereheliche Affäre mit einem Neunzehnjährigen hatte.

          Heuchelei als Prinzip

          Conor Mitchell nimmt diese Episode zum Anlass die Heuchelei der Partei bloßzustellen, deren Gründer, der fanatisch wetternde presbyterianische Pastor Ian Paisley, Mitte der siebziger Jahre die Kampagne „Save Ulster from Sodomy“ lanciert hatte, die verhindern sollte, dass ein 1967 verabschiedetes britisches Gesetz zur Entkriminalisierung der Homosexualität auch in Nordirland Rechtskraft bekäme. Das geschah tatsächlich erst 1982.

          Paisleys Vermächtnis wirkt bis heute nach: Wenn die britische Regierung sich Ende Oktober in einer ihrer letzten Amtshandlungen vor der Auflösung des Parlaments nicht über die jetzige DUP-Vorsitzende Arlene Foster hinweggesetzt hätte, wären Abtreibung und Ehe für alle in Nordirland weiterhin illegal. Man darf es ironisch nennen, dass der protestantische Norden Irlands zurückgeblieben ist hinter den Liberalisierungen in der katholischen Republik. Seit der Teilung ist der ehemals reichste Teil der Insel auch wirtschaftlich ins Hintertreffen geraten.

          Dabei gab es, wie sich der 1961 in Belfast geborene Schriftsteller Glenn Patterson in „Backstop Land“, einem soeben erschienenen ironisch-witzigen Porträt von Nordirland im Brexit-Dilemma, erinnert, eine Zeit, in der junge Nordiren auf den rückständigen Süden herabblickten: „Selbst für diejenigen von uns, die sich nicht als Unionisten, geschweige denn Loyalisten, empfanden, war es eine der wenigen tröstlichen Gedanken des Aufwachsens in Nordirland, dass wir wenigstens nicht im Süden lebten mit seiner ganzen klerikalen Einmischung in Fragen der öffentlichen Moral. Diese Züge hinauf nach Belfast mit Frauen, die darauf bedacht waren, Kondome zu kaufen und sie gesetzeswidrig nach Dublin runterzubringen. Diese unglücklichen Paare, die sich nicht scheiden lassen können.“

          Verrat an der DUP

          Jetzt hat die Republik einen homosexuellen Ministerpräsidenten, während Nordirland eine Erste Ministerin haben würde, die sich gegen die Lockerung der Homosexualitätsgesetze stemmt, wenn die Unverträglichkeiten zwischen ihrer konservativen DUP und der linken republikanischen Sinn Féin nicht dazu geführt hätten, dass die Region seit Januar 2017 regierungslos ist.

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