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Wahl in Amerika : Wir herrschen auch morgen noch

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Ich glaube, es ist falsch, die Diplomatie der amerikanischen Präsidenten allzu sehr zu personalisieren. Die Außenpolitik hängt zunächst einmal von den Umständen ab. Die der Vereinigten Staaten folgt seit dem Ersten Weltkrieg gewissen Zyklen. Auf interventionistische Phasen folgen stärker isolationistische: amerikanische Intervention im Ersten Weltkrieg, dann Rückzug in den 1920er und 1930er Jahren; der Zweite Weltkrieg und der Korea-Krieg, dann Beruhigung unter Eisenhower; der Vietnam-Konflikt, Rückzug unter Carter, große Aktivitäten unter Reagan, Zurückhaltung unter Clinton...Nach den Interventionen in Afghanistan und im Irak unter Bush war es ganz folgerichtig, dass Obamas Außenpolitik weniger intensiv ausfiel. Allerdings ist nicht leicht zu erkennen, wie Obama die Welt sieht. Er hat keine besondere Vorliebe für die Außenpolitik. Er war ein vollkommener Neuling auf diesem Gebiet, und er ist zweifellos einer der Präsidenten, die am wenigsten über die Außenpolitik der Vereinigten Staaten nachgedacht haben.

Und die Bilanz...?

...ist mäßig. Es ist ihm gelungen, das Bild der Vereinigten Staaten in der Welt zu verbessern, allerdings nicht im Nahen und Mittleren Osten, seinem eigentlichen Hauptziel, und das zweifellos, weil er nicht fähig war, in der Palästinenserfrage Fortschritte zu machen. Aber die Bedeutung des Image wird überschätzt. Entscheidend sind Macht und Sicherheit. Obama hat intelligent auf die Bedürfnisse der asiatischen Staaten reagiert und die amerikanische Präsenz in der Region verstärkt. Die Aggressivität Chinas hat ihm dabei geholfen. Gegenüber Iran hat seine Politik der ausgestreckten Hand zu nichts geführt.

Ist ein Krieg mit Iran unausweichlich?

Das ist eine sehr plausible Möglichkeit. Obama setzt sich dafür ein, dass Iran keine Nuklearwaffen entwickelt. Aber da scheint mir nichts sicher zu sein, zumal man auch den Faktor Israel berücksichtigen muss...Übrigens ist anzumerken, dass Obama auf zahlreichen Gebieten Bushs Außenpolitik fortgesetzt hat: Man denke an Afghanistan, an die Forcierung der Drohnenangriffe und an die Fortsetzung des Cyberkriegs, dessen Grundlagen noch von der vorigen Administration gelegt worden sind.

Was wird sich in der amerikanischen Außenpolitik ändern, wenn Mitt Romney zum Präsidenten gewählt wird?

Romney wäre sicher härter gegenüber Wladimir Putins Russland. Er würde den Verteidigungshaushalt nicht senken. Im Grunde sehen die beiden Männer Amerika nicht in derselben Weise. Romney glaubt eher an die Ausnahmestellung Amerikas, während Obama da skeptischer ist. Mehr möchte ich dazu nicht sagen, denn ich gehöre zu Mitt Romneys außenpolitischen Beratern.

Ganz gleich, wer nun ins Weiße Haus einzieht, wo werden seine Prioritäten liegen, wenn es darum geht, die Vorherrschaft der Vereinigten Staaten zu sichern? Und wo liegen die größten Gefahren, die auf ihn warten?

Ich bin entschieden der Auffassung, dass der Verteidigungshaushalt auf dem gegenwärtigen Stand gehalten werden muss. Wenn die Vereinigten Staaten die Segel streichen, wenn sie sich wegen ein paar Einsparungen zurückziehen, werden wir auf lange Sicht einen hohen Preis dafür zahlen. In erster Linie muss Amerika sein Engagement im Nahen und Mittleren Osten wie auch am Persischen Golf aufrechterhalten und seine Bündnisse mit den Staaten in Ost- und Südostasien festigen. Auch die Wirtschaft muss zu ihrer Größe zurückfinden. Das ist eine unerlässliche Voraussetzung, wenn die Vereinigten Staaten ihre Stellung behaupten wollen. Die größte Gefahr wäre eine Fortdauer der Krise.

Die Fragen stellte Olivier Guez. Aus dem Französischen übersetzt von Michael Bischoff.

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