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Wahl in Amerika : Wir herrschen auch morgen noch

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Robert Kagan ist Historiker, Politikberater und einer der angesehensten Intellektuellen der Vereinigten Staaten. Sein Essay über den „Mythos vom Niedergang Amerikas“ wurde von Präsident Obama ausführlich öffentlich gewürdigt. Kagan beriet 2008 John McCain und jetzt Mitt Romney.

Ich habe den Eindruck, die Krise ist diesmal ernster als die früheren. Abgesehen von den aktuellen wirtschaftlichen Problemen, scheint Amerika noch nie so gespalten, das politische System so blockiert und die Ungleichheit so gewaltig gewesen zu sein. Werden diese Probleme nicht die internationale Macht der Vereinigten Staaten beeinträchtigen?

Da bin ich weniger pessimistisch als Sie, weil ich nicht glaube, dass die amerikanische Nation ernstlich geschwächt wäre. Ist sie politisch gespalten? Ja, aber die Amerikaner teilen dieselbe Ideologie und dieselben Grundsätze, die der Unabhängigkeitserklärung, des Individualismus oder der Chancengleichheit. Nur herrscht heute keine Einigkeit über die Interpretation dieser großen Ideen. Aber - und das ist schon seit dem Unabhängigkeitskrieg so - die Verfassungsordnung wird nicht in Frage gestellt. Auch im Blick auf die Blockierung der Institutionen haben Sie recht. Aber in der amerikanischen Geschichte standen die Parteien immer in heftigem Widerstreit zueinander. In der Wiederaufbauphase Ende des 19.Jahrhunderts waren Demokraten und Republikaner tief gespalten. Die Medien waren stets ein Abbild dieser Gegensätze. Der Fernsehsender Fox knüpft an diese Tradition an. Tatsächlich bildete die Zeit des Kalten Krieges, in der die Parteien enger miteinander kooperierten, eine Ausnahme, das vergisst man allzu oft. Was die Ungleichheit betrifft, so ist sie nicht erst in den letzten zehn Jahren entstanden. Sie hat sich seit mindestens drei Jahrzehnten entwickelt und hat im Übrigen keinen Einfluss auf die Außenpolitik. Dagegen gibt es eine psychologische Gefahr, die Amerika bedroht: Wenn die Amerikaner glauben, der Niedergang ihres Landes sei unabwendbar, könnten sie gerade dadurch den Sturz des Landes herbeiführen. Aber noch liegt unser Schicksal in unseren eigenen Händen.

Sie sind also nicht beunruhigt?

Ich bin relativ optimistisch, solange sich keine größeren strukturellen Veränderungen der internationalen Ordnung am Horizont abzeichnen. Wie jede politische Ordnung wird auch die amerikanische zusammenbrechen, aber nicht in den nächsten Jahrzehnten.

Obwohl Sie Republikaner sind, erwecken Sie den Eindruck, dass Obama der Macht Amerikas keineswegs geschadet hat. Wie bewerten Sie seine Außenpolitik?

Ich unterscheide drei Phasen. Die erste - ein großer Klassiker der amerikanischen Politik - bestand darin, dass Obama das Gegenteil von dem tat, was sein Vorgänger getan hatte. In groben Zügen kann man sagen, er verbesserte das Bild der Vereinigten Staaten im Ausland, indem er eine freundlichere Sprache pflegte und der muslimischen Welt und auch Russland die Hand reichte. Die zweite Phase war von der Rückkehr zu den Realitäten geprägt. Obama entdeckte, dass die Welt die Vereinigten Staaten braucht. Er musste auf die Sorgen der asiatischen Länder angesichts des chinesischen Expansionismus reagieren, auf die der arabischen Länder wegen des iranischen Atomprogramms und auf die der osteuropäischen Staaten, die immer noch unter der russischen Bedrohung leiden. Obama verstärkte auch die amerikanische Präsenz in Afghanistan, er vervielfachte die Zahl der Drohnenangriffe und intervenierte in Libyen, um Gaddafi zu stürzen. Insgesamt hat er die amerikanische Macht in ausgesprochen klassischer Manier eingesetzt. Die dritte Phase erleben wir gegenwärtig. Sie entspricht ganz der Außenpolitik in einem Wahljahr. Seit der Tötung Bin Ladins vermeidet Obama jedes ausländische Abenteuer. Er möchte im Blick auf die Wahlen kein Risiko eingehen.

Ist das der Grund, weshalb die Vereinigten Staaten nicht in Syrien intervenieren wollen?

Es ist einer der Gründe, da bin ich mir ganz sicher. Ich denke, wenn die Wirren in Syrien schon 2010 begonnen hätten, dann hätten die Amerikaner energischer eingegriffen.

Gibt es in der Außenpolitik eine Obama-Doktrin?

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