https://www.faz.net/-gqz-141k2

Waffenstillstandstag : Was tut Angela Merkel am 11. November in Paris?

Hier endete der Erste Weltkrieg: In Fochs Eisenbahnwaggon im Wald von Compiègne Bild: AFP

Am 11. November feiert die alliierte Welt seit eh und je das Ende des Ersten Weltkriegs. Lange blieben die Staatsmänner der Siegermächte dabei unter sich. Nun hat Angela Merkel angekündigt, in diesem Jahr in Paris dabei sein zu wollen. Wie nachvollziehbar ist das?

          3 Min.

          Gang durch eine bretonische Stadt. Man trifft im Zentrum von Rennes auf Straßennamen, die ein einziges erinnerungspolitisches Programm des Ersten Weltkriegs bedeuten: Boulevard Georges Clemenceau, Place Foch, Rue Edith Cavell. Clemenceau, Premierminister seit 1917, später verschärfende Kraft der Vertragsverhandlungen von Versailles, hatte in seiner Antrittsrede am 20. November 1917 von der nationalen Aufgabe der „guerre intégrale“ gesprochen, was später als „totaler Krieg“ verstanden wurde. „Keine pazifistischen Kampagnen mehr! Keine deutsche Wühlerei! Kein Verrat, und kein halber Verrat: Krieg. Nichts mehr als Krieg!“ Marschall Foch hatte damals die Armee hart geführt, Meutereien mussten niedergeschlagen werden. Edith Cavell, die britische Krankenschwester, verhalf alliierten Kriegsgefangenen zur Flucht in die neutralen Niederlande und wurde von den Deutschen erschossen. Gottfried Benn, der als Arzt dienstlich anwesend war, hinterließ ein Protokoll der Exekution.

          Lorenz Jäger

          Freier Autor im Feuilleton.

          In Rennes also gedenkt man der Helden und Heldinnen. Ein Land, das aus dem Ersten Weltkrieg als Sieger hervorging, hat alles Recht, ja geradezu die Pflicht zur steten Vergegenwärtigung des Triumphes und der Menschen, die ihn ermöglichten. Es wäre vermessen, etwa im Namen der Völkerverständigung dem Nachbarn die patriotische Emphase ausreden zu wollen. Nur: Ein Deutscher wird sich dabei doch immer als Fremdkörper fühlen.

          Die Mimikry der Bundesrepublik

          Am 11. November feiert die alliierte Welt seit eh und je den Waffenstillstandstag und erinnert damit an das Jahr 1918. Lange blieben die Staatsmänner des Westens dabei unter sich. Auf die Idee, dass ein deutscher Bundeskanzler an den Feiern teilnehmen könnte, die des Sieges über sein eigenes Land gedenken, kam man erst spät - früher gab es ein Taktgefühl, das diesen Gedanken ohne weitere Debatten ausschloss. Erst Gerhard Schröders Absage 1998 machte ein Politikum aus dem Fernbleiben. Er hatte die Einladung von Jacques Chirac ausgeschlagen, aber geschichtspolitisch unweise und sehr zweideutig Terminprobleme vorgeschoben, anstatt ein klares Wort zur Sache zu sagen.

          Nun hat Angela Merkel angekündigt, am 11. November in Paris dabei sein zu wollen, als erster Regierungschef der Bundesrepublik. Neben Sarkozy, der plant, den Tag zu einem Datum der deutsch-französischen Versöhnung umzuwidmen, wird sie eine Rede am Grabmal des Unbekannten Soldaten halten. Diese Nachricht erzeugt ein leises Schaudern. Ist die Mimikry der Bundesrepublik auf ihrem „langen Weg nach Westen“ nun so weit gediehen, dass man sich in einer erinnerungspolitischen Gymnastik als der Besiegte den Siegern zugesellen will?

          Der Händedruck in Verdun war etwas anderes

          Andererseits: Könnte es nicht gelingen, den Waffenstillstandstag zu neutralisieren, zu entpolitisieren in ein allgemeines Gedenken aller gefallenen Soldaten aller Nationen? Ähnlich wie, sagen wir, der Westfälische Frieden, der den Dreißigjährigen Krieg beendete, ohne Probleme von allen Konfessionen zelebriert werden kann? Dagegen spricht die objektive Zweideutigkeit des Ortes der Feiern. Es ist der Arc de Triomphe in Paris, der zugleich, mit der ewigen Flamme, das Grab des Unbekannten Soldaten überwölbt. Die beiden Momente - der Sieg und das Totengedenken - lassen sich nicht voneinander ablösen. Das Bildprogramm des Triumphbogens ist eine Feier der napoleonischen Waffengänge. Reinhart Koselleck hat auf den merkwürdigen Sachverhalt hingewiesen, dass nach dem Ersten Weltkrieg und über den „Unbekannten Soldaten“ der Triumphbogen das allgemeine französische Siegesdenkmal wurde - und dass deshalb die Notwendigkeit für ein besonderes Monument zur Feier des Sieges von 1918 entfiel.

          Zudem wird der 11. November in Paris auch mit einer Militärparade gefeiert. Der Händedruck von Helmut Kohl und François Mitterrand in Verdun, dem Ort der schlimmsten Schlächtereien, hatte einen ganz anderen Charakter. Diese Geste der Versöhnung war nicht nur legitim, sondern ein historischer Moment: Denn sie war nicht in eine Siegesfeier und eine Demonstration der eigenen militärischen Macht eingebunden, wie sie eine Parade notwendig darstellt.

          Man kann diesen Tag, an dem der Erste Weltkrieg zu Ende ging, auch in Deutschland ehren - am besten schweigend. Und wer noch Familienbilder aus dieser Zeit besitzt, kann im Stillen der nächsten Gefallenen gedenken. Ich besitze zwei vergilbte Fotos von jungen Männern in Uniform. Das Jahr mag 1916 oder 1917 gewesen sein. Irgendwie bin ich mit ihnen verwandt, aber wie genau, das weiß ich nicht oder habe es vergessen, und ich kann niemanden mehr fragen. Meine Mutter, die nur lakonisch sagte, auch diese beiden seien „nicht mehr heimgekommen“, lebt nicht mehr.

          Weitere Themen

          Topmeldungen

          Wer mit seinem Vermieter redet, hat immerhin eine Chance, dass der die Miete von sich aus reduziert.

          Corona-Krise : Von wegen keine Miete zahlen!

          Viele Menschen in Deutschland glauben, sie müssten wegen des jüngst beschlossenen Corona-Hilfen-Gesetzes ihre Miete nicht zahlen. Das ist ein Fehler – und kann sehr teuer werden!

          Newsletter

          Immer auf dem Laufenden Sie haben Post! Abonnieren Sie unsere FAZ.NET-Newsletter und wir liefern die wichtigsten Nachrichten direkt in Ihre Mailbox. Es ist ein Fehler aufgetreten. Bitte versuchen Sie es erneut.
          Vielen Dank für Ihr Interesse an den F.A.Z.-Newslettern. Sie erhalten in wenigen Minuten eine E-Mail, um Ihre Newsletterbestellung zu bestätigen.