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Wähler im Wahlkampf : Auf Doktor Merkels Couch

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Das Leitfossil unserer Tage: Wahlwerbespot der CDU Bild: CDU Wahlwerbespot

Sind wir Wähler wirklich so schwach, so ausgebrannt, so depressiv, dass man uns eine Therapie verordnet? Statt uns mit den wahren Problemen zu belästigen? Ein Plädoyer für mehr Streit, mehr Ernst, mehr Politik

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          Ich muss in einer schlimmen Verfassung sein. Die Dame mir gegenüber lässt sich derart gekonnt nichts anmerken, dass mir das klar wird. Offenbar ist mir mein eigener Anblick oder auch nur eine präzise Beschreibung meines Aussehens, meiner Situation nicht mehr zuzumuten. Vielleicht bin ich wie beim Pilotfilm der amerikanischen Serie „Breaking Bad“ nur in Unterhose, Gasmaske und einem Sack voller Drogen aufgegriffen worden? Oder wurde ich dabei erwischt, wie ich vor Wut die ganze Welt in die Luft jagen wollte?

          Und wenn schon. Angela Merkel kennt das. Ihr ist nichts Menschliches fremd. Wir sind ganz allein in diesem Raum, der aussieht wie eine Praxis. Sie sagt: „Wir müssen jetzt das Richtige tun.“ Was ist das Richtige? Himmel, eine philosophische Frage in diesen Zeiten, in meiner Verfassung. Wer kann sich denn auf so was noch konzentrieren, heutzutage, von wegen Digitalisierung und Globalisierung?

          War es etwas mit Yoga oder doch mehr Geld? War es die Pflege der Landlust oder die Stadtguerrilla? Sie hilft mir wie einem verwirrten Prüfling: „Das Richtige ist, was den Menschen nutzt.“ Ich möchte nicht frech antworten: dass es hier nicht um das Wohl der Waschbären geht, das habe ich mir schon gedacht. Ich möchte auch nicht altklug bemerken, dass es doch sein kann, dass manches einigen Menschen nutzt, anderen aber gar nicht. Nun besänftigt sie mich mit einer guten Nachricht: Offenbar wurde „schon viel erreicht“. Das freut mich, aber ich muss auf dem Teppich bleiben, denn nun kommt es nur noch darauf an, „das Erreichte nicht aufs Spiel zu setzen“. Was soll ich tun: opfern, aufgeben? Offenbar nichts. Sie braucht mich bloß einen Tag und auch an dem nur für einen kurzen Moment der Unterstützung. Es geht um zwei Kreuze mit einem weichen Bleistift. Der Stift schreibt so weich und satt, wie man sich fühlt bei diesem Wahlwerbespot, einer Therapienotfallstunde bei der Bundeskanzlerin.

          Der Werbespot der CDU zum Bundestagswahlkampf 2013 wird in die Museen eingehen als das Leitfossil unserer Tage. Nicht allein die genialische Machart, die perfekte Komposition von Farben und Stimmung macht ihn zu solch einem Dokument, noch brisanter ist, was nicht gezeigt wird. Wir sehen das Land nicht, über dessen Zukunft am 22. September entschieden wird. Wir erfahren nichts davon, wie es in vier Jahren aussehen soll, wie die Menschen sich entwickeln könnten, wie man dann hier lebt. Kein unnützes Wissen, keine beschwerenden Fakten, nur der gemeinsame Moment zählt.

          Dasselbe Muster auch bei dem Film, mit dem Horst Seehofer für die CSU wirbt: Beruhigende Worte, Nähe, eine heimelige Kulisse. Bilder, Musik, alles vom Feinsten. Das größte politische Irrlicht des Landes wird wie ein Leuchtturm inszeniert, ein reflektierter und reflektierender Landesvater. Die wahre Botschaft transportiert sich über das vegetative Nervensystem: Nicht mal mit einer Daunenfeder werdet ihr belastet. Wir schultern eure Last.

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