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Wähler im Wahlkampf : Auf Doktor Merkels Couch

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Dass das Land sich derart ruhebedürftig fühlt, weist darauf hin, dass große Unruhe herrscht. Es verhält sich immer so: In stabilen Verhältnissen wächst der Mut, etwas zu verändern, in instabilen klammern sich alle an das, was ist. In Zeiten mit echtem Wachstum, einer voll und gut beschäftigten Bevölkerung mit geregelten Arbeitszeiten, etwa den frühen siebziger Jahren, war der Wunsch nach Veränderung verbreitet. Fortschritt war damals ein gängiger Begriff, Kritik war zugleich eine Tugend und eine Praxis: Kritik am Arbeitsplatz, an den bestehenden Verhältnissen, an den gesellschaftlichen Rollenverteilungen, am Geschlechterverhältnis. Heute ist das nicht mehr so. Die komplette Umwälzung aller Branchen durch die Digitalisierung, das Aufblühen von privaten Internetfirmen und staatlichen Überwachungsdiensten, das Wachstum der anderen, außereuropäischen Gesellschaften, das alles inspiriert nicht zu großen Veränderungen, es schüchtert ein. Kritik ist völlig aus der Mode, Nostalgie nach dem eben vergangenen Augenblick ist die nationale Grundstimmung. Heute gilt als clever, wer jene gut findet, die schon ganz oben sind.

Politik vermag eine ganze Menge, wenn man es nur angeht

Das von Stephan Grünewald geleitete Kölner Rheingold-Institut hat sich einen Namen mit qualitativer Sozialforschung gemacht. Dort führt man mit repräsentativ ausgewählten Probanden zweistündige Tiefeninterviews, um die Seelenlage der Deutschen zu ergründen. Die Ergebnisse der Interviews wurden dann ihrerseits wieder demoskopischen Kontrollverfahren unterzogen. Die Rheingold-Analysen vermitteln ein plastischeres Bild von der Stimmung im Lande als Umfragen, in denen den Leuten Fragen gestellt werden, die sie sich selbst nicht stellen. In den Tiefeninterviews geht es nicht nur um die punktuelle Abfrage von Parteipräferenzen, sondern um ein umfassenderes Abbild der Weltanschauung

Nun veröffentlichte das Institut eine Wahlstudie unter dem Titel „Das bedrohte Paradies“. Wichtigste Erkenntnis: „Obwohl längst nicht alles als gerecht und schön empfunden wird, eint alle politischen Lager der Wunsch nach Stabilität und Besitzstandwahrung.“ Dabei dürfte das Beispiel jener Länder, in denen die Krise voll durchgeschlagen hat, in denen also der Staat die Schulden der Banken übernommen und wo so gut wie immer auch die Regierung gewechselt hat, ohne etwas ändern zu können, abschreckend wirken: „Das Schreckgespenst der Krise lauert immer noch vor den Grenzen Deutschlands. Der Glaube an eine bessere Zukunft, für die die Parteien streiten können, ist der diffusen Sehnsucht nach einer permanenten Gegenwart gewichen.“

Das darf nicht zu der falschen Schlussfolgerung führen, dass die befragten Personen der Meinung seien, es gebe keine großen Probleme mehr. Das Gegenteil ist richtig: Die Probleme werden als zu groß, als bedrohlich und für Politiker unlösbar empfunden. Die Studie fasst den Eindruck der Probanden wie folgt zusammen: „Es haben sich so viele ungelöste und unfassbare Problem angestaut, dass jeder, der sich in dieses Terrain wagt, zum Scheitern verurteilt ist.“ Also bastelt man nur an den kleinen Problemen herum. Hierzu passt die Strategie der Bundeskanzlerin, ihre eigene Macht zu relativieren und zu minimieren. Das wurde im Zusammenhang mit dem NSA-Skandal deutlich: Wo es ging, wies Merkel darauf hin, dass sie sich nur um das kümmern könnte, was „auf deutschem Boden“ geschehe. Gegen die Weiten des Internets, so suggerierte sie, ist unser kleines Land ein Schrebergarten. Dabei haben alle beteiligten Firmen auch deutsche Niederlassungen und bieten auch hier ihre Dienste an. Man könnte regulierend eingreifen; umso leichter, wenn man sich mit europäischen Partnern zusammentut. Es ist nicht unmöglich. Politik hat die Apartheid und den Kalten Krieg beendet, die Europäische Union entwickelt, den deutschen Sozialstaat aufgebaut. Sie vermag eine ganze Menge, wenn man es nur angeht.

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