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Wachstumsdebatte : Deutschland wächst mit seinen Kindern

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Die Familie - eine Wachstumsgemeinschaft Bild: ZB

Die Zukunft der Sozialsysteme hängt nicht an der abstrakten Wirtschaftsleistung, sondern vor allem an den Kindern: ein Plädoyer gegen den blinden Ökonomismus.

          5 Min.

          Deutschland wünscht Wachstum und meint damit ein Wachsen der Wirtschaft, weniger ein Wachsen der Kinderzahl, die wir zur Sicherung unserer Zukunft so dringend brauchen. Wenn wir prüfen, ob wir die steigende Schuldenlast noch tragen können, vergleichen wir die Schulden mit der Produktivität eines Landes (Bruttoinlandsprodukt), nicht mit der Zahl der Einwohner und der Prognose zukünftiger Einwohner, die diese Schulden einmal begleichen sollen. Bei einem Vergleich am Maßstab des Bruttoinlandsprodukts gehört Deutschland zu den finanzstärksten Staaten in der Euro-Gemeinschaft, bei einem Vergleich nach Einwohnerzahl stehen Spanien, Portugal und Frankreich deutlich besser da als Deutschland.

          Auch bei der Rentenversicherung würdigt das deutsche Recht den Beitrag der Menschen zur Produktivität, kaum die Leistung, Kinder geboren und erzogen, damit dem Generationenvertrag einen Schuldner gegeben zu haben. Der spätere Rentenanspruch bemisst sich nach der grundsätzlich aus dem Lohn abgeleiteten Beitragszahlung, nur in geringem Umfang nach Erziehungsleistung. Doch im Alter stehen im Umlageverfahren des Rentensystems die gezahlten Beiträge nicht mehr zur Verfügung. Die Renten werden allein von unseren Kindern gezahlt.

          Verheißung, nicht Verhängnis

          Auch der Kampf um die Gleichberechtigung von Mann und Frau vernachlässigt den Kinderwunsch der Menschen, nimmt oft eine Angleichungskonzeption ohne Kind in Kauf. Doch die jungen Menschen - Frauen und Männer - haben ein Recht, von ihrer Freiheit zum Kind und ihrer Freiheit zum Beruf Gebrauch zu machen. Und wenn wir an die Gebrechlichkeit im Alter, die menschliche Begleitung beim Sterben denken, verstummt die öffentliche Debatte, statt kraftvoll die Lebensgemeinschaft der Familie, die unkündbare und unscheidbare Verantwortlichkeit von Eltern und Kindern füreinander, neu zu beleben.

          Jens Spahn hat in der F.A.Z. vom 14. März („Die Kinder der Anderen“) den grundlegenden Wandel bewusstgemacht, der mit der Einführung von Renten- und Krankenversicherung eingeleitet und später durch die Erfindung der Antibabypille befördert worden ist: Die Menschen bekommen Kinder, weil sie es wollen, nicht mehr, weil sie es müssen. Dies ist ein Gewinn an individueller Freiheit und Sicherheit, den heute niemand preisgeben will. Doch fordert Spahn auch mit Nachdruck und Zuversicht, diesen Wandel so zu gestalten, dass er Verheißung und nicht Verhängnis wird. Die dann folgenden Vorschläge, im immer älter werdenden Deutschland das Leben finanziell und mitmenschlich so zu organisieren, dass es ein Leben in Würde, in gegenseitiger Achtung, in Freiheit bleibt, sind beherzigenswert. Doch mehr noch werden wir uns der Frage widmen müssen, ob wir die alternde Gesellschaft in eine jünger werdende umgestalten können.

          Der Verfassungs- und Steuerrechtler und ehemalige Bundesverfassungsrichter Paul Kirchhof

          Das Rentenrecht muss anerkennen, dass der Generationenvertrag seinen Schuldner von den Eltern empfängt, deren Kinder die Renten für alle Rentner der Elterngeneration bezahlen. Die Eltern haben zu dem Generationenvertrag das Wesentliche beigetragen. Deswegen müssen die Eltern, insbesondere die Mütter, die vielfach um der Kindererziehung willen auf einen Teil ihres Erwerbslebens und damit auf einen Lohn verzichtet haben, im Rentenrecht dem Grunde und der Höhe nach als Erste berechtigt sein. Sichern so die Kinder wieder die Versorgung bei Krankheit, Gebrechlichkeit und Alter, wird der Wille zum Kind noch stärker.

          Die Ausbildungs- und Erwerbsbiographien sind so umzugestalten, dass die jungen Menschen in Zukunft die Frage der Familiengründung nicht mehr verspätet stellen. Während wir derzeit deutlich nach Vollendung des 30. Lebensjahres, wenn der Eintritt in das Berufsleben vollzogen und die Berufsposition gefestigt ist, die Frage einer Familiengründung ernstlich erwägen, sollte in Zukunft die Entscheidung über eine Familie um zehn Jahre vorverlegt werden. Nach einem schulischen Abschluss - auch dem im Gymnasium - mit spätestens 17 Jahren sollte sich eine Phase der Berufsqualifikation - einschließlich eines Hochschulabschlusses - von etwa fünf Jahren anschließen. Danach, also im Alter von 22 bis 25 Jahren, sollten die Menschen ihre Freiheit zur Familie, zum Kind wahrnehmen. Bei der Bewerbung um Arbeitsstellen oder um eine weitere Berufsqualifikation sollten sie sodann vorrangig berücksichtigt werden, weil sie eine Doppelleistung - die familiäre und die berufliche - erbringen. Der Lebensrhythmus wird wieder natürlicher. Die Eltern haben für die Kindererziehung dank ihrer Jugend mehr Elan, Nervenkraft und Erziehungsfreude. Die Gleichberechtigung von Mann und Frau gerade in Führungspositionen wird verbessert, wenn diese Positionen im Alter zwischen 40 und 50 erreicht werden, die Eltern - damit auch die Mütter - dann aber die Kernphase ihrer Erziehungsaufgabe bereits hinter sich gelassen haben.

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