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VW-Affäre : Wie Kerner einen Coup verpasste

  • -Aktualisiert am

Ging beichten bei Kerner: Gebauer Bild: AP

Fast hätte Johannes B. Kerner in seiner Talkshow eine tolle Geschichte enthüllt: Mit dem früheren Personalmanager Gebauer war eine Schlüsselfigur der VW-Affäre bei ihm zu Gast. Doch wie üblich hat Kerner den richtigen Moment verpasst.

          Wer heutzutage etwas ausfrisst, erwischt wird und mit einem Gerichtsverfahren zu rechnen hat, packt gern, bevor Justitias Mühlen mahlen, im Fernsehen aus, bevorzugt beim Beichtvater der Nation: Johannes Baptist Kerner. Am Mittwoch Abend saß hier Klaus-Joachim Gebauer, ehemaliger Personalmanager bei VW und besser bekannt als Chefanimateur und Organisator jener Luxusreisen, für die sein ehemaliger Chef Peter Hartz inzwischen verurteilt wurde. Gebauer war eigener Aussage zufolge bei VW dafür zuständig, die vermeintlichen Interessenvertreter der Arbeitnehmer und insbesondere den früheren VW-Betriebsratsvorsitzenden Klaus Volkert, der auf seinen Prozess noch wartet, für die Entscheidungen des VW-Vorstands gnädig zu stimmen. Mit Geld, Luxusreisen und Prostituierten.

          Gebauer, der vorsorglich seinen Anwalt, den FDP-Politiker Wolfgang Kubicki, mitgebracht hat, bestätigt, was Kerner ausmalt: Vorstand Ferdinand Piëch habe die Luxusmarke Bugatti im VW-Konzern haben wollen, endlich auch mal ein Auto mit tausend PS, da brauchte man die Zustimmung der Arbeitnehmer, vor allem Volkerts. Also habe Gebauer Volkerts jeden Wunsch erfüllen lassen, gerade auch horizontale. Etwas vereinfacht, meint Gebauer, sei das so gewesen.

          Mitten im Zentrum der Affäre

          Mit einem Schlag ist man mitten im Zentrum der Affäre: nicht beim Sex, sondern bei Piëch, also der Frage, ob der Vorstand selbst vom Gunstkauf wusste. Kerner, in einer Aufwallung investigativen Ehrgeizes, fragt nach. Dann sei also gar nicht Hartz der Urheber gewesen (der vor Gericht Piëchs Unschuld beteuert hatte), sondern „möglicherweise“ habe dieser „nach einer Idee“ Piëchs gehandelt? Gebauers Antwort: „Herr Kerner, Sie kennen das Thema natürlich nicht so gut wie ich“ - unterbricht dieser: „Ja, ich muss mich dafür entschuldigen, Sie waren aber auch näher dran.“ Gelächter, Klatschen, auch Gebauer grinst. Lage entschärft.

          Doch Kerner, betont hartnäckig, setzt noch einmal an: „Ich verstehe den juristischen Knackpunkt, Sie können ja hier niemanden beschuldigen, und ich will Sie auch nicht dazu anleiten, irgendetwas gegen den damaligen Vorstandsvorsitzenden zu sagen. Nur, ich lese ja auch ganz viel und in verschiedenen Zeitungen, ,Berliner Zeitung', ,Stern' und so weiter“ (im Hintergrund werden laufend „Bild“-Artikel eingeblendet): „Hat es Hinweise darauf gegeben, die mich dazu veranlassen, diese Frage zu stellen?“ Gebauer holt Luft, sieht aus, als wolle er etwas sagen, etwas zur Sache, nicht zu Kerners Fragemotiven. Doch wieder kommt er nicht zu Wort. Kerner wendet sich an Kubicki: „Wollen Sie hierzu etwas sagen?“ Nein, das könne er nicht, er sei ja auch nicht dabei gewesen. Lustig. Kerner, mit „ich habe alles versucht“ in der Stimme: „Also kommen wir an der Stelle einfach nicht weiter.“

          Der interessanteste Satz

          Nun aber, endlich, obwohl gar nicht gefragt, setzt Gebauer an, der ja einen Grund für seinen Auftritt hat, der nicht selbst als größter Schurke dastehen möchte, der etwas loswerden will, zur Frage, ob der Vorstand das alles gewusst habe: „Wer den Führungsstil kennt im Hause VW, für Insider also spricht schon einiges dafür, aber Sie werden kaum jemanden finden, der es belegt.“ Das war doch etwas, immerhin der interessanteste Satz des Fernsehabends, etwas, das man in dieser Deutlichkeit in Richtung Piëch noch nicht gehört hat. Gern hätte man mehr erfahren. Doch Kerners investigativer Elan ist verbraucht. Rasch lenkt um er auf die Ebene des Moralischen, Klötzchenhaften („Sie haben doch gewusst, dass das nicht rechtens ist“). Der Regisseur Dieter Wedel, ebenfalls Gast der Sendung, verteidigt nun den Angeklagten - so ungewöhnlich seien Geschäfte im Puff ja nun auch wieder nicht. Überhaupt hat der Filmemacher gut zugehört. Er will ja die VW-Affäre verfilmen: „Eine tolle Geschichte.“

          Nur eine tolle Geschichte? Kerner hätte sie fast gehabt. Es wäre mehr drin gewesen an diesem Abend. Doch hat er den Moment wie üblich verpasst und das Bekenntnis weggefragt.

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