https://www.faz.net/-gqz-7ot74

Vorzüge des E-Books : Mit Charles Dickens auf dem Crosstrainer

  • -Aktualisiert am

Für John Hennessy sind digitale Lesegeräte unverzichtbar, aber auch gedruckte Bücher braucht er zum Leben Bild: dpa

Er war der akademische Lehrer der Google-Gründer, seine Forschung steckt in den Spielkonsolen von Sony und Nintendo. Hier schreibt John Hennessy, Präsident der Stanford University, über die Vorzüge des digitalen Buches.

          Ich lese gewöhnlich drei, vier Bücher parallel - ein Sachbuch (ein Geschichtswerk oder eine Biographie, gelegentlich auch etwas Naturwissenschaftliches), einen Roman (oft einen Klassiker oder ein Werk, das gerade mit einem Preis ausgezeichnet wurde) und etwas Leichteres (einen Krimi oder einen Science-Fiction-Roman) für die Viertelstunde zwischen Zubettgehen und Einschlafen oder für die dreißig Minuten Schlaflosigkeit um zwei Uhr morgens.

          Außerdem verwende ich Audiobücher oder -vorträge bei Spaziergängen, im Fitnessstudio und bei meinen wöchentlichen Wanderungen. Meine Hörbuchliteratur besteht zu gleichen Teilen aus Romanen und Sachbüchern, die Vorträge stammen aus unterschiedlichen Quellen, aber besonders gern greife ich auf die „Entitled Opinions about Life and Literature“ meines geschätzten Kollegen Robert P. Harrison zurück.

          Eingebettet in ein Datennetzwerk

          Meine Lesegewohnheiten bringen mich gleich zu dem ersten großen Vorteil digitaler Bücher. Ich kann eine ganze Bibliothek auf einem einzigen E-Book-Reader mit mir führen. Allein schon dieser Vorteil, ganz abgesehen von dem Gedanken an die Bäume, die für mich lebendige Natur und nicht bloß Papierlieferanten sind, könnte mich veranlassen, auf das gedruckte Buch zu verzichten. Ich habe aber noch viele andere Vorteile festgestellt. Eine besondere Rolle spielt das verbesserte Leseerlebnis.

          Zwei Beispiele wären hier zu nennen: Lesen beim Fitnesstraining und im Bett nachts um zwei Uhr. Die große Schrift auf meinem E-Reader bietet den Vorteil, dass ich auf dem Crosstrainer lesen kann und am Ende den Eindruck habe, die halbe Stunde sei schneller vergangen und noch sinnvoller genutzt. Und beim gedimmten Schein eines Lesegeräts um zwei Uhr nachts wecke ich meine Frau nicht auf, was bei der offenbar altersbedingt zunehmenden Schlaflosigkeit ein enormer Vorteil ist.

          E-Books ermöglichen das Lesen überall, ob beim Sport oder in der Metro. Die Zeitung hat übrigens auch John Hennessy gerne in gedruckter Form.

          Ein Freund digitaler Bücher bin ich aber auch deswegen, weil das E-Buch in ein Datennetzwerk eingebettet ist. Ich verwende sehr gern elektronische Lesezeichen und Hervorhebungen, vor allem bei der Lektüre von Büchern, die mir für künftige Vorträge oder Artikel als Quelle dienen können. Seit vielen Jahren komme ich in meiner Begrüßungsrede für die neuen Studenten auf die Bücher zu sprechen, die ich gerade gelesen habe - von George Washington über Nelson Mandela bis zu Steve Jobs.

          Die Vorteile überwiegen

          Ein weiterer Vorteil ist der unmittelbare Zugang zu einem Wörterbuch. Fans von Patrick O’Brian, dem Verfasser der marinehistorischen Aubrey-Maturin-Romane, erweitern regelmäßig ihren Wortschatz, aber bei Begriffen wie „accoucheur“, „Dyak“, „folie circulaire“, „libeccio“, „pelisse“, „turlough“ oder „vali“ ist ein Wörterbuch unentbehrlich. Vertieftes Nachdenken darüber, ob ich wohl eine Verwendung für eines dieser Wörter finden werde, könnte zu einem Fall von „folie circulaire“ führen (heutzutage unter dem Begriff bipolare Störung bekannt), aber trotzdem gefällt mir diese Möglichkeit.

          Ein weiterer Vorteil von E-Büchern ist der Umstand, dass man einzelne Begriffe nachschlagen und Querverweisen in Form von Links folgen kann. Auch wenn das vielleicht dazu führt, dass man leichter als im gedruckten Buch überspringt, erscheint es mir sehr sinnvoll, etwas nachschlagen zu können oder sich per Link noch einmal eine Figur vor Augen zu führen, sich eine Definition, einen Gedanken oder eine Begebenheit in Erinnerung zu rufen. Der Versuchung, der Handlung vorzugreifen, widerstehe ich genauso wie dem Bedürfnis, das letzte Kapitel eines Thrillers von Wilkie Collins vor den vorangehenden zu lesen.

          Aber ist es nicht ein Verlust, kein gedrucktes Buch mehr in den Händen zu halten und beim Umblättern nicht mehr das Papier zu spüren? Sicher, doch wenn ich nicht gerade eine reichverzierte mittelalterliche Handschrift betrachte oder eine Frakturschrift vor mir habe, die zwar schön aussieht, die ich aber nur mit allergrößter Mühe lesen kann, reichen die sinnlichen Eindrücke der klassischen Buchlektüre nicht an die zahlreichen Vorteile eines E-Readers und eines elektronischen Buchs heran.

          Weitere Themen

          Die Drift nach oben Video-Seite öffnen

          Landkarte des Kunstmarkts : Die Drift nach oben

          Die Preise für Kunst sind absurd? Nein. Sie sind das realistische Abbild des globalen Reichtums. Eine Landkarte des Kunstmarkts, der in Wirklichkeit schrumpft und nur knapp dem Umsatz von Rewe entspricht.

          Topmeldungen

          Abgrenzung von der AfD : Das Ende eines Ausflugs

          Die Union besinnt sich endgültig wieder auf die Erkenntnis, dass sie mit einer Wendung nach rechts weniger Zustimmung zurückgewinnt, als sie in der Mitte verliert.

          „Kleiderpolizei“ im Hochsommer : Liberté, Egalité, Décolleté

          Es ist sehr heiß. Während die einen nur an Abkühlung denken, stören sich die anderen an freizügiger Sommerkleidung. In Frankreich wehren sich viele Frauen auf Twitter gegen diese Verurteilung.

          Newsletter

          Immer auf dem Laufenden Sie haben Post! Abonnieren Sie unsere FAZ.NET-Newsletter und wir liefern die wichtigsten Nachrichten direkt in Ihre Mailbox. Es ist ein Fehler aufgetreten. Bitte versuchen Sie es erneut.
          Vielen Dank für Ihr Interesse an den F.A.Z.-Newslettern. Sie erhalten in wenigen Minuten eine E-Mail, um Ihre Newsletterbestellung zu bestätigen.