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Vorzüge des E-Books : Mit Charles Dickens auf dem Crosstrainer

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Wie wir lesen

Gibt es Fälle, wo ich die Papiervariante weiterhin sinnvoll finde? Ganz gewiss. Die „New York Times“ lese ich in der gedruckten Ausgabe am Küchentisch, aufgeschlagen liegt sie vor mir, in einer Größe, wie sie keiner meiner Bildschirme darstellen kann. Ich empfinde es als sehr angenehm, mit einem Blick die Schlagzeilen erfassen und die Artikel überfliegen zu können, um dann zu entscheiden, was ich ausführlich lesen will. In der Printausgabe geht das viel besser als auf einem Bildschirm oder einem E-Book-Reader. Junge Leute würden vermutlich sagen, dass ich einfach mehr Übung brauche oder mein Lesegerät anders einstellen muss, und wahrscheinlich haben sie sogar recht, aber noch lese ich die Zeitung in der gedruckten Ausgabe und gebe sie der Umwelt zuliebe zum Altpapier.

Auch bei anderen Gelegenheiten ziehe ich die gedruckte der elektronischen Form vor, nämlich immer dann, wenn ich komplexes Material aufmerksam lesen will, beispielsweise Abschlussarbeiten meiner Studenten oder ein Kapitel, das mein Kollege zu unserem Informatiklehrbuch beigesteuert hat. In solchen Fällen kann ich mich offenbar besser auf den Inhalt konzentrieren. Ich habe auch festgestellt, dass ich Anmerkungen lieber per Hand auf Papier schreibe, statt sie in Form elektronischer Kommentare einzufügen. Ich weiß nicht, ob diese Fähigkeit, sich besser auf Gedrucktes zu konzentrieren, nur ein Produkt meiner Erfahrung ist oder ob es damit zu tun hat, wie wir lesen, wenn wir uns mit einem hochkomplexen Stoff beschäftigen.

Als Autor schreibe ich, abgesehen von kurzen brieflichen Mitteilungen und kurzen Artikeln, hauptsächlich Vorträge und Fachtexte auf dem Gebiet der Informatik. Das sind zwei ganz unterschiedliche Bereiche. Bei einem Vortrag geht es darum, das richtige Wort zu finden, einen guten Einstieg und Schluss zu finden. Das sind handwerkliche Fragen. Den Redeentwurf drucke ich jedes Mal aus, lese ihn laut vor und überarbeite ihn, bis ich zufrieden bin. Am Bildschirm lässt sich ein Text nicht annähernd so gut bearbeiten, das funktioniert irgendwie nicht.

Das Überleben großer Autoren

Wenn ich einen Text für ein wissenschaftliches Lehrbuch schreibe, konzentriere ich mich darauf, einen komplexen Gedanken und die notwendige Serialisierung von interagierenden grundlegenden Prinzipien zu erklären, die jeweils verstanden werden müssen, um diesen Gedanken vollständig erfassen zu können. Dem Leser hilft es, wenn ihm zunächst einmal das große Ganze dargelegt wird, aber richtig verstehen wird er den Gedanken nur anhand einer detaillierten schrittweisen Erklärung. Für mich als Autor von komplexen technischen Stoffen ist es eine besondere Herausforderung, solche Erklärungen zu entwickeln.

Ob die enorme Arbeit, komplexe Strukturen zu serialisieren und in verständliche Elemente zu zerlegen, im digitalen Zeitalter noch sinnvoll ist, wird sich zeigen. Ich befürchte, dass künftige Leser für lange Erklärungen komplexer Zusammenhänge nicht mehr die nötige Geduld aufbringen. Tatsächlich verheißt die Begeisterung junger Leute für elektronische Medien und ständiges Multitasking nichts Gutes für die absolute Konzentration, die für das Erfassen komplexer Strukturen unabdingbar ist. Vielleicht werden die potentiellen Nachteile durch andere Vorteile aufgewogen, etwa die Möglichkeit, auf andere Beispiele zu verlinken oder eine Erklärung je nach Bedarf mit weiteren Details anzureichern. Für den Autor wäre das mit zusätzlichem Aufwand verbunden, für den Leser könnte es vorteilhaft sein. Wir werden sehen.

Und schließlich erwähne ich noch einen letzten Vorteil des digitalen Buchs. Ich finde es fabelhaft, dass ich die gesammelten Werke von Charles Dickens, Victor Hugo, Mark Twain, Fjodor Dostojewskij oder Jane Austen in absolut haltbarer Form für wenig Geld erwerben kann. Das gibt mir die Hoffnung, dass diese großen Autoren auch noch in Jahrhunderten begeisterte Leser haben werden.

Aus dem Englischen von Matthias Fienbork.

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