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Gina Thomas (G.T.)

„yellowfacing“-Vorwurf : Wo die Verfremdung endet

  • -Aktualisiert am

Aufführung von „Nixon in China“ im Januar 2011 an der Metropolitan Opera in New York Bild: Metropolitan Opera

Zu viele geschwungene Lidstriche: Die Scottish Opera hat mit der Oper „Nixon in China“ eine Achterbahn der Rezeption hinter sich.

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          Es entbehrt nicht der Ironie, dass die Oper „Nixon in China“ von John Adams, in der mit viel Witz kulturelle Voreingenommenheit, ideologische Gegensätze und das Theater der Politik dargestellt werden, in den Strudel der politischen Korrektheit geraten ist. Die Dramatisierung von Nixons historischer Demarche ins „kommunistische Herz der Finsternis“, wie der Komponist die Mission wohl in Anspielung an Joseph Conrads erzählerische Hinterfragung des Kolonialismus formulierte, hat eine Achterbahn der Rezeption hinter sich.

          In der vergangenen Woche jubelte die Scottish Opera über die Nominierung ihrer Inszenierung von „Nixon in China“ für einen Kulturpreis. Zwei Tage später folgte eine demütige Entschuldigung und der Rückzug der Bewerbung aus dem Rennen um die Auszeichnung. Eine Organisation, die sich für „die Humanisierung der Darstellung britischer Ost- und Südostasiaten“ im Kulturleben einsetzt, hatte den Tweet eines Komponisten ostasiatischer Herkunft aufgegriffen, der die Scottish Opera des „yellowfacing“ bezichtigte, der Besetzung ostasiatischer Rollen mit weißen Darstellern und deren Stereotypisierung durch die Maske.

          Facetten des Menschseins beleuchten

          Der Komponist, der es auf gerade mal 343 Twitter-Anhänger gebracht hat, bemängelte nicht nur die unzureichende asiatische Repräsentanz auf und hinter der Bühne. Er forderte außerdem die Beauftragung farbiger Komponisten und Librettisten mit neuen Werken, die „Rasse/Kultur“ nuanciert darstellten. Die Labour-Abgeordnete Sarah Owen, die chinesischer Abstammung ist, verlieh der Empörung Nachdruck. Sie wollte wissen, weshalb die Inszenierung so wenige Ost- und Südostasiaten enthalte, warum es geschwungene Lidstriche gebe, ob der Steuerzahler dazu beigetragen habe und warum das alles so weitergehe.

          Die Scottish Opera bedauerte zerknirscht, mit der Besetzung und der Bühnenschminke Anstoß erregt zu haben, und begründete den Rückzug aus dem Preisrennen damit, dass die Organisation nicht prämiert werden wolle, wenn sie ungewollt Unmut hervorgerufen habe. Unerwähnt blieb bei alledem, dass Nixon in der Inszenierung mit einem schwarzen Bariton besetzt war. Wollte man das Argument gegen die Scottish Opera konsequent zu Ende führen, entspräche auch diese Besetzung nicht der Realität. Dann müsste Turandot stets von Asiatinnen dargeboten werden, Shylock von einem Juden, Richard III. von einem Buckeligen und Anne Boleyn von einer Weißen, nicht, wie jetzt gerade in einer britischen Fernsehserie, von einer Schwarzen. Dabei macht es den ganzen Sinn im Tun der Schauspieler aus, die eigene Identität abzustreifen und eine andere anzunehmen, um Facetten des Menschseins zu beleuchten. „Nixon in China“ gehört nicht zuletzt zu den wenigen zeitgenössischen Opern, die es ins internationale Repertoire geschafft haben, weil Adams und seiner Librettistin Alice Goodman jene Verfremdung der Wirklichkeit so grandios gelungen ist, ohne die Theater nicht Theater wäre.

          Gina Thomas
          Feuilletonkorrespondentin mit Sitz in London.

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