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100 Jahre Lettland : Mustereuropäer im hohen Norden

Er wacht über die lettische Nationalbibliothek in Riga, die im Volksmund Lichtschloss genannt wird: Der Dichter, Dramatiker und Politiker Rainis Bild: Ilmars Znotins

Vor hundert Jahren wurde Lettland ein eigener Staat: Reise in ein erstaunliches Land, dessen Bewohner Bücher lieben und mit ihrer Introvertiertheit kokettieren.

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          Sie werden sich später daran erinnern, weil immer wieder davon erzählt werden wird, die Kinder, die Jugendlichen, die Studenten: die erste volle Generation Lettlands, die sich ohne Wenn und Aber „Nation“ nennen darf und nicht unmittelbar befürchten muss, dass jemand in ihr kleines Land einmarschiert und ihnen die Souveränität wieder wegnimmt. Und deswegen sind sie in Riga am großen Nationalfeiertag schon früh auf den Beinen.

          Paul Ingendaay
          Europa-Korrespondent des Feuilletons in Berlin.

          Es ist ein trüber Morgen. Treffpunkt um acht Uhr am Freiheitsdenkmal, dem mythischen Punkt der Hauptstadt, erbaut 1935 und wie durch ein Wunder selbst in der Sowjetzeit nicht zerlegt. Das Gesicht der Allegorie der Freiheit, vierzig Meter höher, ist kaum zu erkennen. Dann wird es heller, und irgendwann gehen Lichter an in den drei Sternen, die Lady Freedom mit ausgestreckten Armen in den Himmel hält, dem Sinnbild für die historischen Regionen des Landes.

          Erst singen Kinder in Schal und Mützchen, ohne Instrumente, und das ist schön, ohne jeden Krampf. Dann laufen junge Männer auf Rollerblades ein, ziehen Kreise und schwenken Fackeln, so dass die Leute vor den Funken in Deckung gehen. Es folgen Musikgruppen mit Geige, Gitarre, Percussion und Bass, aber die Hauptsache sind immer die getragenen Melodien aus erstklassigen Boxen.

          Wir stehen im Nieselregen, während die lettische Nationalflagge, die quer über den Platz gespannt ist, vom Wind herumgezerrt wird wie ein Drachen. Später wird es hier Kranzniederlegung und Militärparade geben, das Übliche eben, aber jetzt, das ist für die Privatabteilung Mensch. Alle frieren, ein paar singen mit. Man sagt den Letten nach, sie seien ein reserviertes Volk, deswegen ist das hier stimmungsmäßig nicht der Kracher. Aber was sie in diesen Tagen vermitteln, um das hundertjährige Jubiläum der Staatsgründung am 18. November 1918 zu feiern, ist eine einfache Botschaft: Wir sind das Volk.

          Wären sie als Nation nicht ganz so klein – kaum zwei Millionen Einwohner –, hätte sich viel weiter herumgesprochen, dass die Letten zu den Mustereuropäern überhaupt geworden sind. Wenn gespart werden muss, sparen sie. Aber ansehnliches Wachstum produzieren sie auch, und gesellschaftspolitisch sind sie so weit vorn wie kaum jemand sonst. Eine volldigitalisierte Arbeitswelt. Mehr als fünfzig Prozent Frauen in Führungspositionen. Interessante Forschung und Produktentwicklung, wie uns ein Vizerektor von der Designabteilung der Technischen Universität Riga erzählt, etwa eine Maschine zum Torwarttraining beim Eishockey, die den Puck computergesteuert mit 130 Stundenkilometern an jeden gewünschten Punkt feuert. Sollte jeder haben. Ballmaschinen beim Tennis kannten wir; aber die tragbare Puckschleuder ist noch einmal etwas anderes.

          Die attraktivste Verpackung für solche Erfolgsgeschichten ist erfahrungsgemäß die Kultur, und so erzählt man sie uns in diesen Tagen: über Lesen, Schreiben und die Schnittstellen von Kreativität und Gemeinschaft. Wir besuchen Mr. Page, einen Buchladen für Liebhaber, in dem kein Buch eingeschweißt ist (und alle Kunden fürs Blättern weiße Handschuhe bekommen). Fast vierzig Prozent der Letten geben Lesen als Hobby an. Das Sauwetter wird da seine Hand im Spiel haben, aber immerhin.

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