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100 Jahre Lettland : Mustereuropäer im hohen Norden

Riga, die größte Stadt des Baltikums, ist einerseits ein Museum für bestens restaurierten architektonischen Jugendstil – selbst der ehemalige Sitz des KGB, das „Eckhaus“, ist ein Schmuckstück, zugleich die W-Lan-Kapitale des europäischen Nordens. Wenn an die Geschichte erinnert wird, dann an die eigene Opferrolle, etwa durch das „Museum der Okkupation“, weniger an die lettische Kollaboration beim nationalsozialistischen Judenmord.

Sicherer ist es allemal in der Folklore, und deshalb haben die Promoter eines neuen Lettland-Bildes die moderne Nation in einen grünen Mantel aus Naturmedizin, Selbstgestricktem und Outdoor-Mentalität gesteckt. „Greenovative“, dichten die PR-Leute dazu, ein Anglo-Mix aus grün und innovativ, aber das hat den Blödheitsanteil aller bemühten Kalauer und wird hoffentlich bald vergessen sein. Viel konkreter ist, dass wir uns nach einem Vortrag lettische Wollfäustlinge mitnehmen dürfen. Die Strickmuster verrieten traditionell etwas über Herkunft und sozialen Stand des Trägers, aber uns muss das nicht kümmern, wir brauchen nur etwas gegen den scharfen Wind.

Und dann sind da die Schlüsselereignisse in der Geschichte einer kleinen Nation, die das heutige Lettland (und seine baltischen Nachbarn Litauen und Estland) definieren. Allen voran die Menschenkette von Vilnius über Riga nach Tallinn am 23. August 1989, dem fünfzigsten Jahrestag des Hitler-Stalin-Pakts, um friedlich den Willen zur Unabhängigkeit zu demonstrieren. Zwei Millionen Menschen waren über 676 Kilometer hinweg verbunden, der größte Flashmob in der Geschichte des Baltikums, zusammengetrommelt nicht über soziale Medien, sondern das gute alte Radio. Demgegenüber fällt die andere Menschenkette ein bisschen ab, aber auch sie war etwas Besonderes – wie nämlich Anfang 2014 Tausende Bewohner von Riga fünf Stunden lang Bücher von der alten Bibliothek in die neue wandern ließen, von Hand zu Hand, in eisiger Januarkälte.

„Lichtschloss“ heißt im Volksmund der moderne Bau des lettischen Architekten Gunnar Birkerts, benannt nach einem Chorwerk aus dem neunzehnten Jahrhundert. Natürlich ist auch diese moderne Bibliothek mindestens so sehr Gemeindezentrum wie Bücherburg, aber ihre ungebrochene literarische Tradition betonen die Letten mit Stolz. Es soll 1,2 Millionen volkstümliche Vier- bis Sechszeiler geben, sogenannte „Dainas“, in denen Wissen und Weisheit der Letten niedergelegt sind, und viele von ihnen ruhen im „Lichtschloss“. Gleich daneben sitzt die mächtige Bronzeskulptur des Dichters, Dramatikers und sozialdemokratischen Politikers Rainis (1865 bis 1929), der mit seiner Übersetzung von Goethes „Faust“ nicht nur die lettische Literatursprache voranbrachte, sondern in seinen Versen auch nach einem eigenen lettischen Staat rief und damit die russische Zensur herausforderte.

Lässt man die Letten über sich selbst erzählen, kommen besonders die Männer als stoffelig und leicht kommunikationsgestört rüber – grüßen nicht gern, starren auf den Boden oder murmeln vor sich hin. Dieses Image haben PR-Leute durch die Kampagne „I am introvert“ in ein liebenswertes nationales Stereotyp verwandelt, mit dem sich auf T-Shirts, Postkarten und in einem eigens ersonnenen Comic spielen lässt. So sind wir eben, sagen sie, selbst im Weltraum wäre es uns zu voll. Eine der eloquenten Frauen, die uns in einem dreitägigen Crashkurs Lettland erklärten, trug ein schwarzes T-Shirt, auf dem stand, was hier die Jüngeren von den Älteren denken, im Scherz, was sonst: „My parents have absolutely no friends.“

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