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Hundert Jahre Verdun : Ein Heer von Toten ruht unter dem Wald

  • -Aktualisiert am

Das Beinhaus von Douaument bei Verdun. Die Schlacht tobte vom 21. Februar bis zum 18. Dezember 1916, sie forderte mehr als 700.000 Opfer. Bild: Reuters

Vor hundert Jahren tobte hier die sinnloseste aller Materialschlachten: Ein Besuch in der einstigen Todeszone von Verdun und in den Festungen von Douaumont und Vaux.

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          Wenn man vom Mémorial, dem Museum der Schlacht von Verdun, zur Ruine des Forts Douaumont fährt, kommt man durch einen lichten, in der Frühlingssonne hell glänzenden Wald. Einst lagen hier Felder. Die Dörfer, deren Bauern sie bestellten, gibt es nicht mehr. Der französische Staat ließ die Wüste aus Knochen, Schlamm und Metallsplittern, die sich hier seit dem Frühjahr 1916 erstreckte, nach Kriegsende aufforsten. Die Fichten und Birken, die gepflanzt wurden, wuchsen schnell, sie haben die Spuren des Todes aus dem Bild gelöscht.

          Andreas  Kilb

          Feuilletonkorrespondent in Berlin.

          Die Landschaft wird trotzdem nicht heil. Was an ihrer Oberfläche verschwunden ist, überdauert in ihrer Struktur. Die Haut der Erde ist anders rings um Verdun. Es ist, als hätte die Faust eines Riesen ihr systematisch Löcher, Kuhlen, Gruben eingestanzt, eine neben der anderen. Schon bei der Anfahrt von Metz erstreckt sich kilometerweit das Narbenmuster zu beiden Seiten des Asphalts. Auf Lichtungen, etwa an der Stelle, an der bis vor hundert Jahren das Dorf Fleury gelegen hat, stehen die Trichter bis in den Sommer voller Wasser, ein Mosaik von Tümpeln, in denen sich die Wolken spiegeln.

          Historisches Gedenken: Der französische Staatspräsident Francois Mitterrand und Bundeskanzler Helmut Kohl bei ihrem Verdun-Besuch am 22. September 1984.

          Das Vogelzwitschern klingt dumpfer

          Und noch etwas ist ungewohnt in den Hügeln vor Verdun. Man könnte es einen Soundeffekt nennen, eine Art Geräuschfilter. Das Vogelzwitschern klingt dumpfer in diesen Wäldern, der Wind rauscht wie durch Watte. Remarque hat dieses Schweigen gehört, als er Ende der zwanziger Jahre, kurz nach der Veröffentlichung von „Im Westen nichts Neues“, hier war. Tucholsky dagegen, der an einem Regentag im Juli 1924 nach Verdun reiste, erblickte „viel Buschwerk und gar keinen Wald“, dafür aber die zerschossenen Ruinen jener neun Dörfer, die inzwischen bis auf eine Handvoll Gedenkstätten eingeebnet sind. Auch das gehört zur Stille vor Verdun: Autos und Busse dröhnen auf den Straßen, Gebäude stehen verstreut in der Landschaft. Aber niemand lebt hier.

          Französische Infanteristen in den Schützengräben von Verdun.

          Heute werden Angela Merkel und der französische Staatspräsident François Hollande in Verdun den Geist des Friedens beschwören. Geplant sind eine Kranzniederlegung auf einem deutschen Soldatenfriedhof, ein Empfang im Rathaus, ein Rundgang durch das Mémorial und eine Gedenkzeremonie mit Ehrenbataillon und Jugendlichen aus Frankreich und Deutschland vor dem Ossuaire, dem Beinhaus auf dem Thiaumont-Rücken, in dem die Reste von hundertdreißigtausend namenlosen Soldaten ruhen. Das Programm knüpft an die Inszenierung des Staatsbesuchs von Helmut Kohl bei François Mitterrand im September 1984 an, dessen Abschlussfoto, das die beiden Politiker Hand in Hand auf dem Platz vor dem Beinhaus zeigt, um die Welt ging. Und doch ist alles anders. Vor zweiunddreißig Jahren war der Erste Weltkrieg in vielen Familien noch eine lebendige Erinnerung. Inzwischen ist er ins historische Gedächtnis abgesunken. Die letzten Kriegsveteranen beider Länder starben fast gleichzeitig Anfang 2008. Die deutsche Wiedervereinigung hat den „Großen Krieg“, wie er jenseits des Rheins heißt, in noch weitere Ferne gerückt. Bei ihrem Treffen in Verdun werden Merkel und Hollande auch über den Brexit reden, den drohenden Austritt der Entente-Macht Großbritannien aus der Europäischen Union. Zum Ausklang des Tages wird dann die EU-Hymne erklingen, Beethovens Partitur zu Schillers „Ode an die Freude“.

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