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Hundert Jahre Verdun : Ein Heer von Toten ruht unter dem Wald

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Die Überraschung von Douaumont ist nicht der äußere, sondern der innere Zustand der Anlage. Sie ist fast unzerstört. Nur Granaten ab vierzig Zentimetern Kaliber konnten die meterdicke Decke durchschlagen. Dafür wirkten die Gänge bei jedem Einschlag als Schallverstärker. Zum Beweis lässt die Führerin eine Metallscheibe fallen. Der scharfe Knall ist ein Klacks gegen das Krachen einer Granate, aber für die Besucher genügt er. An großen Kampftagen fielen bis zu zehn Granaten pro Minute auf Douaumont. Die Intervalle zwischen den Explosionen füllten sich mit den Schreien der Verwundeten. „In solche Not kann die Natur nicht bringen“, heißt es in einem Buch von Alexander Kluge.

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In Vaux ist schon Tucholsky gewesen. „Hier mordeten sie, Mann gegen Mann, Handgranate gegen Handgranate. Im Dunkeln, bei Tag und bei Nacht.“ Auch die braunroten Flecke auf der Lampe im Verbandsraum, die er vor neunzig Jahren sah, sind noch da, als hätte ein Konservator sie immer wieder nachgemalt. Schon kurz nach Kriegsende begann der Schlachtfeldtourismus in Verdun. Die „Reklamefahrten zur Hölle“, die Karl Kraus in der „Fackel“ anprangerte, wurden zum Klassiker der Reiseindustrie. Heute scheint es, als hätte die Branche schon bessere Zeiten gesehen. An Werktagen sind die Parkplätze vor den Festungen fast leer, nur am Beinhaus auf dem Hügel herrscht Hochbetrieb. Das Publikum besteht aus Schulklassen und Rentnern. Die Schüler fragen nicht, worum hier gekämpft wurde, sie bestaunen das Ossuaire mit seinem raketenförmigen Turm von 1932 wie einen Tempel aus einem Science-Fiction-Film.

Der Mensch kämpft gegen seine Vernichtung

Im Mémorial, das nach zwei Jahren Umbau und Renovierung im Februar wiedereröffnet wurde, ist das heutige Geschichtsbild der Schlacht ausgebreitet. Die revidierte Dauerausstellung will den rein französischen Blick auf das Geschehen durch eine historisch gereinigte Deutung ersetzen. Dabei sind die Exponate aus einstigen Feindbeständen, die deutschen Waffen, Uniformen und Abzeichen weniger wichtig als die Entkoppelung von Standort und Wahrnehmung. Im Mittelpunkt der über zwei Stockwerke reichenden Schau steht eine Installation, bei der Filmaufnahmen der Schlacht auf eine schräg ansteigende Reihe von Projektionswänden geworfen werden. Aus der Perspektive des Betrachters, der über die Läufe von deutschen und französischen Maschinengewehren hinweg auf die Szenen schaut, erscheint der Krieg darin nicht mehr als Auseinandersetzung der Großmächte, sondern als Überlebenskampf des Menschen gegen seine Vernichtung.

Die Körper, die sich da im Schlamm wälzen, haben keine Nationalität mehr, sie sind Gefangene eines technisch produzierten Infernos, das seine eigenen Voraussetzungen ad absurdum führt. Im oberen Stockwerk wird der Besucher dann in eine Art Gelass geführt, das den Formen eines Granattrichters nachgebildet ist. Näher als in dieser Gegenüberstellung von Entgrenzung und extremer Verdichtung des Raums kann man der Erfahrung der Materialschlacht in einem Museum nicht kommen. Das Imperial War Museum in London hat diesen Erkenntnisschritt bei seiner letzten Umgestaltung verpasst, die Berliner Konkurrenz ist ohnehin aus dem Spiel. Was die museale Aufbereitung des Ersten Weltkriegs angeht, haben die Franzosen den Kampf der Geister gewonnen.

Vor der Dachterrasse des Mémorial dehnt sich in allen Richtungen die Landschaft der Schlacht, vom Maastal bis zu den Hügeln von Vaux und Douaumont. Als Tucholsky hier in den Himmel schaute, hatte er die Vision eines deutschen Offiziers mit Gamaschen und Monokel, der „Noch mal!“ brüllte. Heute ist der Himmel leer. Die Erinnerung schweigt. Den Rest erledigt das Vergessen.

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