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Hundert Jahre Verdun : Ein Heer von Toten ruht unter dem Wald

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Hundertjährige Jubiläen sind eine Art geistige Kontenklärung. Das Ereignis, das sich jährt, blitzt noch einmal auf und wandert dann in die Archive. Für Verdun, diesen Inbegriff des sinnlosen Sterbens, gilt das auf besondere Weise. Schon die Vergegenwärtigung dessen, was zwischen Februar und Dezember 1916 in den Hügeln vor der Kleinstadt an der Maas geschah, ist bei uns ein mühsamer Prozess, denn die Spur des Geschehens ist im deutschen Kollektivgedächtnis fast ausgelöscht. In Frankreich reicht sie dagegen tiefer als der Zweite Weltkrieg. Die Schlacht hat dort nicht nur den Angriffswillen des Gegners gebrochen, sondern eine Kette profaner Heiligtümer geschaffen, auf denen das nationale Selbstbewusstsein ruht. Um das zu begreifen, muss man dort hingehen, wo die Kanzlerin und ihr Gastgeber am Sonntag nicht hingehen werden, in die Kasematten von Vaux und Douaumont.

Die beiden Forts, die als zerfurchte Grasbuckel aus der grünen Monotonie der Wälder ragen, liegen drei Kilometer Luftlinie oder fünf Autominuten voneinander entfernt. Diese Strecke kostete das deutschen Heer im Frühjahr 1916 hunderttausend Tote. Am 25. Februar, vier Tage nach Beginn des Angriffs, fiel Douaumont, am 7. Juni, nach dreieinhalbmonatiger Materialschlacht, schließlich auch Vaux. Es ist dieses Auf-der-Stelle-Treten, sich Festfressen des Krieges, das die Schlacht um Verdun zur „Blutmühle“ der Überlieferung gemacht hat. Strategisch war sie nach einer Woche entschieden, aber erst die russische Brussilow-Offensive, die im Juni über den deutschen Verbündeten Österreich-Ungarn hereinbrach, erzwang die Einstellung des Angriffs. Die Rückeroberung von Vaux und Douaumont, die den Franzosen im folgenden Oktober und November gelang, glich dann mehr einer Kommandoaktion als einem Gefecht.

Die Todeszone ist jetzt ein Naherholungsgebiet: Blick auf den ehemaligen Geschützturm des Forts Douaument.
Die Todeszone ist jetzt ein Naherholungsgebiet: Blick auf den ehemaligen Geschützturm des Forts Douaument. : Bild: AFP

Wenn man in die klammen Tiefen von Douaumont hinabsteigt, denkt man an die Fotos, die die Kompanie des preußischen Leutnants Radtke am 25. Februar 1916 an diesem Ort machte. Sie gehören zu den aufregendsten Fotografien der Kriegsgeschichte. Radtkes Männer waren vor dem zu kurz liegenden Trommelfeuer der eigenen Artillerie davon- und in die Außenzone des Forts hineingelaufen, das nur von einer schwachen Besatzung bewacht wurde. Als sie auch hier unter Beschuss gerieten, rannten sie ins Innere und überrumpelten die Verteidiger. Die Bilder, die sie an diesem Nachmittag aufnahmen, dekonstruierten den Mythos deutscher Überlegenheit und bestärkten ihn zugleich. Ein solcher Spaziergang, glaubten die Generäle, ließe sich wiederholen. Sie irrten sich.

Das Fort wurde zur Todesfalle

Das Fort selbst, als Depot, Kaserne und Lazarett genutzt, wurde für die Eroberer zur Todesfalle. Am 8. Mai starben bei der Explosion einer Munitionskammer mehr als achthundert Soldaten. 679 von ihnen wurden in einem Stollen eingemauert, da es keine Möglichkeit zum Abtransport der Leichen gab. Heute steht vor dem Stolleneingang ein weißes Kreuz mit Blumengebinde: „Den toten Kameraden“. Die Luft ist kalt und klamm. Auf den Mauersteinen wuchern Moos und grünlicher Schimmel.

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