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Vor dem Gipfel : Unser Marsch in die chinesische Welt

  • -Aktualisiert am

Börse in Schanghai: Ist China besser für die Tücken des Kapitalismus gerüstet? Bild: AP

Die aufmerksamsten Beobachter des Londoner G-20-Gipfels sitzen in Peking. China weiß, dass es die Vereinigten Staaten als Großmacht ergänzen, wenn nicht ablösen wird.

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          Die Idee, nicht länger den Dollar als internationale Reservewährung zu verwenden, sondern eine universelle, vom Internationalen Währungsfonds gesteuerte Leitwährung, ist nicht neu. Zuletzt hatte sie der Wirtschaftsnobelpreisträger Joseph Stiglitz 2004 in seinem Buch „Making Globalisation Work“ vertreten. Eine solche Initiative, schrieb er, „würde die Probleme der Entwicklungsländer zwar nicht beseitigen, wäre jedoch ein großer Schritt nach vorn, sowohl im Sinne weltwirtschaftlicher Stabilität als auch im Sinne globaler Gerechtigkeit“. Was aber bedeutet es, wenn sich inmitten der Weltwirtschaftskrise und kurz vor dem morgen stattfindenden G-20-Treffen nun China diesen Vorschlag zu eigen macht?

          Mark Siemons

          Feuilletonkorrespondent in Berlin.

          Offensichtlich läge die Einführung einer solchen Weltwährung im chinesischen Interesse. Unmittelbar, weil Peking eine Abwertung seiner vornehmlich in Dollar angelegten Währungsreserven fürchtet, wenn Amerika aus innenpolitischen Gründen nun mehr Geld druckt. Und langfristig insofern, als mit der Relativierung des Einflusses, den Amerika bisher über den Dollar auf die Welt ausübt, eine stärkere Gewichtung von Brasilien, Russland, Indien und vor allem China, den nach ihren Initialen so genannten Bric-Staaten, einherginge. Peking hat angekündigt, sich auf dem Londoner Gipfel vor allem für eine stärkere Berücksichtigung der Schwellen- und Entwicklungsländer in den globalen Institutionen einsetzen zu wollen. Manche Beobachter haben das schon als erste machtvolle Äußerung eines latenten chinesischen Wirtschaftsnationalismus interpretiert, der sich von Deng Xiaopings früherer Mahnung, den Kopf nicht zu weit aus dem Fenster zu strecken, zunehmend entferne.

          Amerika könnte profitieren

          Doch eine solche Deutung verkehrt die antihegemoniale Pointe des Leitwährungsvorschlags in ihr Gegenteil. Die Idee besteht ja gerade darin, das globale Finanzsystem dadurch zu stabilisieren, dass es von den inneren Konflikten und Widersprüchen einer einzelnen Macht unabhängiger wird. Das könnte sogar Amerika selbst zugutekommen. Denn bisher erleichterte ihm die Fülle an eigenen Währungsreserven das Schuldenmachen, die Finanzierung immer neuer Blasen, was es aber schwerer machte, die eigene Währung noch zu kontrollieren.

          Die besondere Eigenart des chinesischen Vorstoßes besteht also nicht darin, dass da eine Macht willkürlich ihre Interessen gegen die von anderen in Stellung brächte, sondern dass Peking sich zum Sprecher eines ökonomischen Universalismus macht, der im Finanzwesen von vornherein angelegt war, sich bislang aber immer bloß unter der Dominanz einzelner Staaten und Kulturkreise entfaltete. „Für den absoluten Bewegungscharakter der Welt gibt es sicher kein deutlicheres Symbol als das Geld“, schrieb der deutsche Soziologe Georg Simmel zur vorletzten Jahrhundertwende. In der „Unbestimmtheit und inneren Direktionslosigkeit“ des Geldes sah Simmel die Folie, vor der die vielfältigen neuen Bindungen der modernen Kultur stattfinden und erst erkennbar werden.

          China, Amerika, Indien und Japan

          Doch den realsymbolischen Rahmen dieser Kultur bildeten bislang die Währungen der vorherrschenden westlichen Mächte, zuerst der Kolonialmacht Großbritannien und seit dem Zweiten Weltkrieg Amerikas. Erst im jetzigen Zustand der Globalisierung und Krise scheint der „absolute Bewegungscharakter der Welt“ in reiner Form hervorzutreten. Er ist eine andere Umschreibung für das Schlüsselwort der gegenwärtigen Lage: „systemisch“. Die wechselseitige Abhängigkeit von Nationen, Banken und zahllosen anderen Faktoren im Hinblick auf das Funktionieren des Ganzen war zwar auch vorher schon bekannt, doch erst die Krise macht die Kosten bewusst, wenn man gegen diese Erkenntnis verstößt.

          Dass sich gerade China an die Spitze dieser Entwicklung stellt, ist nun seinerseits von großem symbolischem Interesse. Einerseits liegt es in der Logik der globalen Kräfteverschiebungen, die durch die gegenwärtige Krise möglicherweise noch beschleunigt werden. Laut jüngsten Berechnungen von Goldman Sachs wird das Bruttoinlandsprodukt der Bric-Staaten schon 2027 dasjenige der G 7 überholt haben, also zehn Jahre früher, als die Beratungsgesellschaft ursprünglich angenommen hatte. Die vier stärksten Ökonomien der Welt würden dann China, Amerika, Indien und Japan sein.

          Die Frage der Leitwährung

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