https://www.faz.net/-gqz-8iicy

Jo Cox und der Brexit : Der radikale Individualist hat keine Standesdünkel

London: Blumen in Gedenken an eine, deren Vorstellung von der Handlungsfähigkeit des britischen Parlaments reichlich Realismus kennzeichnete. Bild: AP

Dass die politische Temperatur in Großbritannien allgemein eher mild sein soll, mag man in diesen Tagen nicht recht glauben. Aber herrscht nun wirklich Parteienhass auf Leben und Tod?

          6 Min.

          Am Tag nach der Ermordung von Jo Cox kamen Premierminister David Cameron und Oppositionsführer Jeremy Corbyn gemeinsam nach Birstall. Auf dem Marktplatz wandten sie sich an das Volk. Dort, im Zentrum des Städtchens in Yorkshire, wo die Market Street auf die Chapel Lane trifft, war die 41 Jahre alte Parlamentsabgeordnete unter freiem Himmel erschossen worden, nachdem sie in der Stadtbibliothek eine Sprechstunde abgehalten hatte. Im Fernsehen war hinter den in Trauer vereinten Parteiführern der Sockel eines Denkmals zu sehen. Es wurde 1912 errichtet und ehrt den großen Sohn der kleinen Stadt, Joseph Priestley (1733 bis 1804), einen Geistlichen, der zu einem der ersten Intellektuellen Englands wurde, universell gebildet und universalistisch engagiert. Das Priestley-Monument haben die Leute von Birstall in ein provisorisches Denkmal für Jo Cox verwandelt: Am Fuß der Statue haben sie Blumen abgelegt und Kerzen aufgestellt.

          Patrick Bahners

          Feuilletonkorrespondent in Köln und zuständig für „Geisteswissenschaften“.

          Der bronzene Priestley hält seit 104 Jahren eine brennende Kerze in der Hand. Das Standbild stellt Priestley als den Entdecker des Sauerstoffs dar und zeigt den Naturforscher bei seinem berühmtesten Experiment: Eine Kerze, über die man ein Glas stülpt, erlischt; wenn man einen Minzzweig dazulegt, so fand Priestley heraus, lässt sie sich wieder entzünden. Auf dem winzigen Marktplatz gab es keinen anderen würdigen Ort für die Gebinde. Aber die spontane Umwidmung ergibt historischen Sinn. Joseph Priestley und Jo Cox verbindet eher mehr als Orlando di Lasso und Michael Jackson, dessen Münchner Fans das Denkmal des Hofkapellmeisters auf dem Promenadenplatz in Beschlag genommen haben.

          Ein Volk, das in die Kapelle geht

          Jo Cox war noch neu im Parlament und hat als Rednerin aus moralischer Leidenschaft doch einen unauslöschlichen Eindruck hinterlassen. Edmund Burke, dem größten Redner der Zeit Priestleys, warf ein Spötter vor, er habe der Partei die Talente geopfert, die für die Menschheit gedacht gewesen seien. Jo Cox, der einstigen Oxfam-Managerin, die sich für Syrer und Palästinenser einsetzte, wurde zugetraut, die Menschheit über die Partei zu stellen. Dass sie für den Verbleib Großbritanniens in der Europäischen Union warb, ergab sich aus ihrem Bekenntnis zur Völkerverständigung.

          Der humanitäre Enthusiasmus in der britischen Öffentlichkeit ist eine Tradition, die auf Priestley und dessen Freunde zurückgeht. In seiner Replik auf Burkes „Betrachtungen über die Revolution in Frankreich“ sagte er voraus, mit der „allgemeinen Vorherrschaft der wahren Grundsätze des Regierens“ würden „die Auslöschung aller nationalen Vorurteile“ und „die Durchsetzung des universalen Friedens“ einhergehen. Solange dieser Endzustand der Geschichte nicht erreicht ist, bleiben auch im Innenleben der Nationen Frontlinien des Vorurteils erhalten. Es gibt eine Geographie der Loyalitäten. Birstall liegt in der Grafschaft West Yorkshire, einer Hauptregion der organisierten Unruhe des industriellen Zeitalters. Die Rotarier von Birstall bezeichnen sich in ihrem Clubnamen als Ludditen, Erben der Textilarbeiter, die die mechanischen Webstühle demolierten.

          Blumen für Jo Cox am Priestley-Monument in Birstall, Yorkshire: Einiges hat die beiden verbunden.

          Jo Cox wuchs in Heckmondwike, einer Nachbarstadt von Birstall, auf, wo auch Priestley die Schule besuchte, ebenso wie Charlotte Brontë. Elizabeth Gaskell charakterisierte die Einwohner von Heckmondwike in ihrer Biographie ihrer Schriftstellerkollegin als ein Volk, das in die Kapelle geht, in die „chapel“ einer Freikirche im Unterschied zur anglikanischen Pfarrkirche. Sie wachten kritisch über den Inhalt der Predigten und benähmen sich gegenüber den Geistlichen wie Tyrannen; im Politischen seien sie „violent radicals“, entschiedene – wörtlich: gewalttätige – Radikale. Die Wurzel des politischen Radikalismus in England ist der Dissent, das Sektenwesen. In ihrer Jungfernrede am 3. Juni 2015 beschwor Jo Cox den „Geist des Nonkonformismus“ als das Geheimnis der Produktivität ihrer Heimat.

          Am Anfang stand die innere Radikalisierung

          Mit der Parteinahme für die Französische Revolution zog Priestley einen Hass auf sich, der sich in Gewalt auf offener Straße entlud und ihn zur Emigration nötigte. Am 14. Juli 1791 attackierte ein Mob in Birmingham ein Hotel, in dem ein Bankett zur Feier des Sturms auf die Bastille stattfand. Das Versammlungshaus der freikirchlichen Gemeinde, deren Prediger Priestley war, wurde niedergebrannt, ebenso sein Haus mit Labor und Bibliothek. Vier Tage lang dauerten die Ausschreitungen.

          Die Konsequenz dieses angeblich von der Obrigkeit begünstigten Kontrollverlusts: Gemäß den Beobachtungen von James Watt, dem Erfinder der Dampfmaschine, teilte sich die Stadtgesellschaft in zwei Parteien, die sich mit tödlichem Hass gegenüberstanden. Priestley, der Freund Thomas Jeffersons, starb im amerikanischen Exil. Wie das Oxford Dictionary of National Biography vermerkt, bleiben die „Priestley-Unruhen“ ein „Fleck auf der Geschichte der britischen Toleranz“. Parteienhass auf Leben und Tod passt schlecht zu der Behauptung, die „britische politische Temperatur“ sei „milder“ als die der anderen großen Länder Europas.

          Diese klimatologische These stammt von David Abulafia, dem Professor für Geschichte des Mittelmeerraums an der Universität Cambridge, der einen Trupp von Fachkollegen zusammengebracht hat, die für den Brexit plädieren. In der Liste der „Historians for Britain“ stehen einige bekannte Namen. Sehr viel mehr Zunftgenossen haben einen Aufruf mit der entgegengesetzten Intention unterschrieben. Ein Mitstreiter Abulafias, Jonathan Clark, der im Exil in Kansas lehrt, dürfte Priestley, dem Experten für Brennstoffe, eine Mitschuld am Ausschlag der Fieberkurve in der Bürgerschaft von Birmingham geben. Clark erregte 1985 Aufsehen mit einem Buch namens „English Society 1688-1832“, das das Gegenteil von dem bot, was man bei diesem Titel erwartete. Den Übertritt Englands ins Zeitalter der Demokratie und der religiösen Gleichberechtigung erklärte Clark nicht mit langfristigen sozialen Prozessen, sondern mit dem entschiedenen Handeln von Außenseitern, Fremden im Land von Monarchie, Aristokratie und Staatskirche. Der Radikalismus begann als innere Radikalisierung: Priestley war typisch mit seiner Abkehr vom Dogma der Trinität.

          „Tod den Verrätern, Freiheit für Britannien“

          Laut Clark wurde mit der Gottheit Christi die vormoderne Soziallehre vom hierarchisch gegliederten Staatskörper obsolet. Bei Priestley fand er eine Konzeption des Widerstandsrechts, die in radikalprotestantischer Zuspitzung die Rettung der Nation in die Hände des Individuums legt. Wenn die Regierung ihre Aufgabe nicht erfülle, das Glück der Untertanen sicherzustellen, könne kein Rechtstitel sie „vor dem hochherzigen Angriff des edlen und mutigen Patrioten“ bewahren. Sollte das korrupte Unterhaus sich mit dem Hof zusammentun, um die Verfassung zu beseitigen, müsste „jeder Engländer, bevor es zu spät ist, noch einmal die Geschichte seines Landes studieren und das tun, womit Engländer früher unter denselben Umständen Ruhm erworben haben“.

          Dieser radikale Individualismus, der den englischen Ständestaat von links unterminierte, kehrt heute makabrerweise am rechten Rand wieder, in der Selbstermächtigung von Populisten, die für das korrumpierte Volk in die Bresche zu springen meinen. Im äußersten Notfall muss ein Einzelner zur Tat schreiten. „Britannien zuerst!“, rief der Mörder von Jo Cox. Er handelte ohne Auftrag, als Richter und Henker von eigenen Gnaden. Vor dem Haftrichter nannte er „Tod den Verrätern, Freiheit für Britannien“ als seinen Namen. Solche Decknamen kennt man aus revolutionären Zeiten.

          Eine realistische Vorstellung

          Camerons Justizminister Michael Gove, der intellektuelle Kopf des Brexit-Lagers, begründet seinen Standpunkt historisch. „Die Fähigkeit, unsere Regierenden zu wählen und Gesetze zu ändern, die uns nicht gefallen, wurde für uns erkämpft von Liberalen und Radikalen, die die Macht unverantwortlichen Eliten abnahmen und dem Volk übertrugen.“ Als Kultusminister wollte Gove für den Geschichtsunterricht einen nationalchronologischen Leitfaden vorschreiben. Schon damals erregte er den Widerspruch der meisten Historiker, schon damals sprangen Abulafia und Clark ihm bei. Aber Goves jüngste Kurzfassung der englischen Geschichte kann eigentlich nicht nach Clarks Geschmack sein. Die Freiheit ein Geschenk von Radikalen wie Priestley: Das ist genau die parteiliche Verkürzung, die Clarks Lehrer Herbert Butterfield unter dem Begriff der Whig Interpretation of History als den Urfehler der liberalen englischen Geschichtsanschauung identifizierte, des Mythos vom Parlament, das immer mehr Macht ansammelt und kein Unrecht tun kann.

          Gegenüber dieser Selbstgenügsamkeit riefen konservative Historiker wie Clark Momente der Ironie und Dialektik in Erinnerung, die verdrängte Gewalt gegen Katholiken und Kelten, aber auch die europäischen Verflechtungen dynastischer Politik. Boshaft wählte Clark ein französisches Wort, um das vordemokratische England als Variante eines gemeineuropäischen Typus zu kennzeichnen: ein Ancien Régime. Um die EU-Mitgliedschaft als Irrtum hinzustellen, müssen nun die „Historians for Britain“ die Legende vom insularen Sonderweg erneuern, von der ungestörten, lückenlosen Evolution des Parlamentarismus: Aus Ultra-Tories werden Whigs. Die Willkür dieser ideologischen Volten einer radikalen Phantasie hat etwas Gewaltsames. Wie souverän kann ein Parlament sein, das durch Volksabstimmung genötigt wird, sich seine Rechte zurückzuholen?

          Jo Cox, die ihre erste Unterhausrede in einer Debatte über die Arbeitsteilung zwischen Zentralregierung und Lokalverwaltung hielt, hatte eine realistische Vorstellung von der Handlungsfähigkeit des Parlaments: Der berufstätigen Mutter fehlte im Palast von Westminster die Kinderkrippe.

          Weitere Themen

          Die Lunge im Kirchenfenster Video-Seite öffnen

          Göttlicher Odem : Die Lunge im Kirchenfenster

          Ein katholisches Gotteshaus in München brauchte neue Glasfenster. Zum Zug kam ein Künstler, der ein Stück Medizinalltag in ein Symbol für Leben und Vergänglichkeit verwandelte.

          Es geschieht am helllichten Tag

          „Tatort“ mit Ulrich Tukur : Es geschieht am helllichten Tag

          Der „Tatort“ mit Ulrich Tukur wartet mit einem furiosen Genre-Remake auf. Eine Killertruppe nimmt die „Wache 08“ in Offenbach unter Feuer. Darin stecken so viele Anspielungen auf Film-Klassiker, man kommt kaum mit.

          Topmeldungen

          Bernie Sanders ist zurück – und fühlt sich bereit für das Präsidentenamt.

          Bernie Sanders in New York : „Ich bin wieder da!“

          Bei seiner ersten Wahlkampfveranstaltung nach seinem Herzinfarkt bricht Bernie Sanders Besucherrekorde. In New York ist auch seine bislang wichtigste Unterstützerin dabei.

          Newsletter

          Immer auf dem Laufenden Sie haben Post! Abonnieren Sie unsere FAZ.NET-Newsletter und wir liefern die wichtigsten Nachrichten direkt in Ihre Mailbox. Es ist ein Fehler aufgetreten. Bitte versuchen Sie es erneut.
          Vielen Dank für Ihr Interesse an den F.A.Z.-Newslettern. Sie erhalten in wenigen Minuten eine E-Mail, um Ihre Newsletterbestellung zu bestätigen.