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Jo Cox und der Brexit : Der radikale Individualist hat keine Standesdünkel

„Tod den Verrätern, Freiheit für Britannien“

Laut Clark wurde mit der Gottheit Christi die vormoderne Soziallehre vom hierarchisch gegliederten Staatskörper obsolet. Bei Priestley fand er eine Konzeption des Widerstandsrechts, die in radikalprotestantischer Zuspitzung die Rettung der Nation in die Hände des Individuums legt. Wenn die Regierung ihre Aufgabe nicht erfülle, das Glück der Untertanen sicherzustellen, könne kein Rechtstitel sie „vor dem hochherzigen Angriff des edlen und mutigen Patrioten“ bewahren. Sollte das korrupte Unterhaus sich mit dem Hof zusammentun, um die Verfassung zu beseitigen, müsste „jeder Engländer, bevor es zu spät ist, noch einmal die Geschichte seines Landes studieren und das tun, womit Engländer früher unter denselben Umständen Ruhm erworben haben“.

Dieser radikale Individualismus, der den englischen Ständestaat von links unterminierte, kehrt heute makabrerweise am rechten Rand wieder, in der Selbstermächtigung von Populisten, die für das korrumpierte Volk in die Bresche zu springen meinen. Im äußersten Notfall muss ein Einzelner zur Tat schreiten. „Britannien zuerst!“, rief der Mörder von Jo Cox. Er handelte ohne Auftrag, als Richter und Henker von eigenen Gnaden. Vor dem Haftrichter nannte er „Tod den Verrätern, Freiheit für Britannien“ als seinen Namen. Solche Decknamen kennt man aus revolutionären Zeiten.

Eine realistische Vorstellung

Camerons Justizminister Michael Gove, der intellektuelle Kopf des Brexit-Lagers, begründet seinen Standpunkt historisch. „Die Fähigkeit, unsere Regierenden zu wählen und Gesetze zu ändern, die uns nicht gefallen, wurde für uns erkämpft von Liberalen und Radikalen, die die Macht unverantwortlichen Eliten abnahmen und dem Volk übertrugen.“ Als Kultusminister wollte Gove für den Geschichtsunterricht einen nationalchronologischen Leitfaden vorschreiben. Schon damals erregte er den Widerspruch der meisten Historiker, schon damals sprangen Abulafia und Clark ihm bei. Aber Goves jüngste Kurzfassung der englischen Geschichte kann eigentlich nicht nach Clarks Geschmack sein. Die Freiheit ein Geschenk von Radikalen wie Priestley: Das ist genau die parteiliche Verkürzung, die Clarks Lehrer Herbert Butterfield unter dem Begriff der Whig Interpretation of History als den Urfehler der liberalen englischen Geschichtsanschauung identifizierte, des Mythos vom Parlament, das immer mehr Macht ansammelt und kein Unrecht tun kann.

Gegenüber dieser Selbstgenügsamkeit riefen konservative Historiker wie Clark Momente der Ironie und Dialektik in Erinnerung, die verdrängte Gewalt gegen Katholiken und Kelten, aber auch die europäischen Verflechtungen dynastischer Politik. Boshaft wählte Clark ein französisches Wort, um das vordemokratische England als Variante eines gemeineuropäischen Typus zu kennzeichnen: ein Ancien Régime. Um die EU-Mitgliedschaft als Irrtum hinzustellen, müssen nun die „Historians for Britain“ die Legende vom insularen Sonderweg erneuern, von der ungestörten, lückenlosen Evolution des Parlamentarismus: Aus Ultra-Tories werden Whigs. Die Willkür dieser ideologischen Volten einer radikalen Phantasie hat etwas Gewaltsames. Wie souverän kann ein Parlament sein, das durch Volksabstimmung genötigt wird, sich seine Rechte zurückzuholen?

Jo Cox, die ihre erste Unterhausrede in einer Debatte über die Arbeitsteilung zwischen Zentralregierung und Lokalverwaltung hielt, hatte eine realistische Vorstellung von der Handlungsfähigkeit des Parlaments: Der berufstätigen Mutter fehlte im Palast von Westminster die Kinderkrippe.

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