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Jo Cox und der Brexit : Der radikale Individualist hat keine Standesdünkel

Blumen für Jo Cox am Priestley-Monument in Birstall, Yorkshire: Einiges hat die beiden verbunden.

Jo Cox wuchs in Heckmondwike, einer Nachbarstadt von Birstall, auf, wo auch Priestley die Schule besuchte, ebenso wie Charlotte Brontë. Elizabeth Gaskell charakterisierte die Einwohner von Heckmondwike in ihrer Biographie ihrer Schriftstellerkollegin als ein Volk, das in die Kapelle geht, in die „chapel“ einer Freikirche im Unterschied zur anglikanischen Pfarrkirche. Sie wachten kritisch über den Inhalt der Predigten und benähmen sich gegenüber den Geistlichen wie Tyrannen; im Politischen seien sie „violent radicals“, entschiedene – wörtlich: gewalttätige – Radikale. Die Wurzel des politischen Radikalismus in England ist der Dissent, das Sektenwesen. In ihrer Jungfernrede am 3. Juni 2015 beschwor Jo Cox den „Geist des Nonkonformismus“ als das Geheimnis der Produktivität ihrer Heimat.

Am Anfang stand die innere Radikalisierung

Mit der Parteinahme für die Französische Revolution zog Priestley einen Hass auf sich, der sich in Gewalt auf offener Straße entlud und ihn zur Emigration nötigte. Am 14. Juli 1791 attackierte ein Mob in Birmingham ein Hotel, in dem ein Bankett zur Feier des Sturms auf die Bastille stattfand. Das Versammlungshaus der freikirchlichen Gemeinde, deren Prediger Priestley war, wurde niedergebrannt, ebenso sein Haus mit Labor und Bibliothek. Vier Tage lang dauerten die Ausschreitungen.

Die Konsequenz dieses angeblich von der Obrigkeit begünstigten Kontrollverlusts: Gemäß den Beobachtungen von James Watt, dem Erfinder der Dampfmaschine, teilte sich die Stadtgesellschaft in zwei Parteien, die sich mit tödlichem Hass gegenüberstanden. Priestley, der Freund Thomas Jeffersons, starb im amerikanischen Exil. Wie das Oxford Dictionary of National Biography vermerkt, bleiben die „Priestley-Unruhen“ ein „Fleck auf der Geschichte der britischen Toleranz“. Parteienhass auf Leben und Tod passt schlecht zu der Behauptung, die „britische politische Temperatur“ sei „milder“ als die der anderen großen Länder Europas.

Diese klimatologische These stammt von David Abulafia, dem Professor für Geschichte des Mittelmeerraums an der Universität Cambridge, der einen Trupp von Fachkollegen zusammengebracht hat, die für den Brexit plädieren. In der Liste der „Historians for Britain“ stehen einige bekannte Namen. Sehr viel mehr Zunftgenossen haben einen Aufruf mit der entgegengesetzten Intention unterschrieben. Ein Mitstreiter Abulafias, Jonathan Clark, der im Exil in Kansas lehrt, dürfte Priestley, dem Experten für Brennstoffe, eine Mitschuld am Ausschlag der Fieberkurve in der Bürgerschaft von Birmingham geben. Clark erregte 1985 Aufsehen mit einem Buch namens „English Society 1688-1832“, das das Gegenteil von dem bot, was man bei diesem Titel erwartete. Den Übertritt Englands ins Zeitalter der Demokratie und der religiösen Gleichberechtigung erklärte Clark nicht mit langfristigen sozialen Prozessen, sondern mit dem entschiedenen Handeln von Außenseitern, Fremden im Land von Monarchie, Aristokratie und Staatskirche. Der Radikalismus begann als innere Radikalisierung: Priestley war typisch mit seiner Abkehr vom Dogma der Trinität.

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