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Holocaust-Gedenken : Gleis 17

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Blick auf das Gleis 17 im Bahnhof Grunewald, hier begann vor achtzig Jahren die Deportationen in Berlin. Bild: dpa

Vor achtzig Jahren, am 18. Oktober 1941, begannen in Berlin die Deportationen. Die Holocaust-Überlebende Ruth Klüger schrieb: „Noch jetzt, wenn ich Güterwagen sehe, überläuft es mich.“ Eine Erinnerung.

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          Es ist ein paar Jahre her, dass ich an Gleis 17 stand. Es war ein Sommertag, und über dem Bahnhof Grunewald zog eine Handvoll Wolken dahin: weiß und glänzend, dass es in den Augen schmerzte.

          Einige Wochen zuvor hatte ich die Erinnerungen von Ruth Klüger gelesen, die als Elfjährige mit ihrer Mutter nach Theresienstadt deportiert worden war. Wenn ich das Buch aufschlug, blieb mein Blick an den Sätzen hängen, die ich mit Bleistift unterstrichen hatte. Einer lautete: „Noch jetzt, wenn ich Güterwagen sehe, überläuft es mich.“

          Der erste Deportationszug, der am 18. Oktober 1941 von Grunewald abfuhr, bestand aus einer Reihe ausrangierter Personenwagen dritter Klasse. Er brachte mehr als tausend Berliner Juden nach Lodz. Erst später pferchte man die Menschen in Güterwaggons.

          An diesem Sommertag war es so still, dass ich die Vögel in den Bäumen hörte. Wo sich damals Frauen, Männer und Kinder gedrängt hatten, bewegten sich nur die Schatten der Wolken.

          Langsam ging ich das Gleis entlang: auf den rostigen Platten, deren jede einen Transport verzeichnet. Das Datum, die Zahl der deportierten Juden, das Fahrtziel. Ich las „Riga“ und „Warschau“, ich las „Theresienstadt“ und „Lodz“. Und ich las „Auschwitz“, immer wieder „Auschwitz“.

          Allein auf dem leeren Bahnsteig versuchte ich mir tausend Menschen vorzustellen, die von SS-Leuten in einen Zug getrieben werden. Es gelang mir nicht. Der Sommertag, die Vögel, das Summen einer Biene dicht an meinem Ohr: All das erschien mir wirklicher als die rostigen Buchstaben.

          Da hörte ich hinter mir Schritte. Als ich mich umdrehte, sah ich einen alten Mann: den Blick zu Boden gerichtet, als würde er etwas suchen. Obwohl die Sonne schien, trug er einen Mantel. Hinter ihm gingen eine weißhaarige Frau und ein junger Mann, die leise miteinander sprachen. Auf einmal blieb er stehen. Auf seinen Stock gestützt, beugte er sich hinunter, um die Inschrift zu seinen Füßen zu lesen. Dann ging er weiter. Nach ein paar Schritten blieb er erneut stehen; wieder streckte er den Kopf vor. Schließlich richtete er sich auf.

          „Hier“, sagte er, und es klang beinahe stolz. „Das war meiner.“

          Da erst bemerkte er, dass seine Begleiter weitergegangen waren. Er hob den Stock und rief ihnen nach: „Hier ist es.“ Aber sie waren so in ihr Gespräch vertieft, dass sie ihn nicht hörten.

          Ich stand ein Stück entfernt, doch ich sah das Lächeln in seinem Gesicht und die Hand, die den Stock umklammert hielt. Noch immer hörte ich ihn sagen: „Das war meiner.“

          Bedeutete es das, was es zu bedeuten schien? War er mit dem Zug, dessen Datum er soeben entdeckt hatte, deportiert worden?

          In diesem Moment sah er in meine Richtung, aber es war, als würde er durch mich hindurchschauen. Durch mich und durch das Licht dieses Sommertages, das so grell war, dass der Mann den Blick senkte.

          Jetzt hatten seine Begleiter bemerkt, dass er zurückgeblieben war. Eilig kamen sie auf ihn zu. Als er mit dem Stock auf die Inschrift zeigte, neben der eine Handvoll Steine lag wie auf einem Grab, legte die Frau den Arm um seine Schulter.

          Renatus Deckert, 1977 in Dresden geboren, lebt als Schriftsteller in Lüneburg.

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