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Franz Josef Strauß : Er war unbedingt abwehrbereit

Was interessiert uns, hundert Jahre nach seiner Geburt, noch an Franz Josef Strauß? So gefährlich, wie ihn alle machen, war er nicht. Er wurde nur ein böses Zitat über ihn nicht mehr los.

          Ja, der Strauß! Der Wirt aus Schondorf am Ammersee hat ihn leibhaftig erlebt. „Ohne ihn wäre Bayern nicht das, was es heute ist.“ Oder geblieben ist. Der Wirt hat einen Rauschebart und dirigiert eine Blaskapelle. Als er fünfzehn Jahre alt war und vollkommen bartlos, im Sommer 1969, fuhr er einmal mit einem Freund nach Dießen an der Südspitze des Sees. Dort sollte der Bundesfinanzminister der Großen Koalition sprechen. Wahlen zum Bundestag standen an. Die Wähler mussten sich zwischen dem Kanzler Kiesinger und dem Vizekanzler Brandt entscheiden. Strauß kam aus Bonn auf politischen Heimatbesuch. Ganz in der Nähe, in Schongau, hatte er nach dem Krieg als Landrat seine politische Karriere begonnen.

          Patrick Bahners

          Feuilletonkorrespondent in Köln und zuständig für „Geisteswissenschaften“.

          Der Wirt erzählt von seiner Verwunderung darüber, dass sein Begleiter versuchte, den Redner durch Pfeifen aus dem Konzept zu bringen. Strauß hielt inne, sprach den Störer an und bat ihn zu sich aufs Podium. Er steckte zwei Finger in den Mund und empfing ihn mit einem lauten Pfiff. „Siehst du“, sagte er. „Pfeifen kann ich auch. Nun zeig einmal, ob du auch reden kannst.“ Der überrumpelte Bursche brachte kein Wort heraus.

          Gehört dazu nicht Brutalität?

          Strauß, der Münchner Metzgerssohn, hatte Philologie und Geschichte studiert, um Studienrat zu werden. Man kennt den Typus des Lehrers, der es wagen kann, ein Disziplinproblem durch plötzlichen Rollentausch zu lösen. Den Respekt, den er sich durch den kaltblütigen Trick verschafft, erweist er gleichzeitig dem Düpierten, dem er seelische Robustheit unterstellen muss: Er wird schon über die Blamage hinwegkommen. Der Wirt bewundert an Strauß bis heute die Geistesgegenwart der Gegenwehr. Aber wenn man seine Geschichte weitererzählt, wird man manche Vorurteile gegen Strauß verstärken. Zwar hatte der Unruhestifter sich seine Bloßstellung selbst eingebrockt. Aber er war ein Schulbub, und sein Gegenüber wollte ein Staatsmann sein. Gehörte nicht doch Brutalität dazu, einen Jugendlichen dem Gejohle der Menge auszuliefern?

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          In allen Artikeln, die jetzt zum hundertsten Geburtstag von Franz Josef Strauß geschrieben werden, findet man eine Würdigung seiner außerordentlichen Redegabe. Oft wird daran festgemacht, was mit ihm und seiner Generation der Gründerhelden der Bundesrepublik untergegangen sei. Öfter aber wird behauptet, Strauß habe sich selbst am Ende um Kopf und Kragen geredet, sei als Rhetor zu hämisch, zu heftig, zu brillant gewesen. Der Kolumnist Jan Fleischhauer, der beim „Spiegel“ die Planstelle des Konservativen für den demokratischen Proporz besetzt, deutete jetzt in diesem Sinne das Attribut „Wortgewalt“ aus. „In diesem Begriff liegt neben Bewunderung auch die Furcht vor der Überwältigung.“

          Das böse Wort aus der „Spiegel“-Affäre

          Zeithistorischer Quellenbeleg, referiert im dramatischen Präsens: „,Wer so spricht, der schießt auch‘, entfährt es dem FDP-Abgeordneten Reinhold Maier nach einem Strauß-Auftritt.“ Dieses Zitat aus der Bundestagssitzung vom 20. März 1958 hat für den „Spiegel“ eine besondere Bewandtnis: Das Blatt gebrauchte es 1961 zur Abrundung einer Collage von herabwürdigenden Journalistenworten über Strauß in einer Titelgeschichte, die vor seinem Ehrgeiz auf die Nachfolge Adenauers warnte.

          In der Hofhistoriographie des Magazins wird die „Spiegel“-Affäre des Jahres 1962 mit Rachegelüsten des von Augsteins Leuten beschossenen Verteidigungsministers erklärt und zum innenpolitischen Pendant der Kuba-Krise stilisiert: Um ein Haar wäre der Rechtsstaat zerstört worden. Jubiläumsartikel im „Spiegel“, aber auch in der „Süddeutschen Zeitung“ lassen die Chronologie der Vorgeschichte der Affäre regelmäßig mit Maiers Verdikt von 1958 beginnen. Der Satz erscheint als Meisterstück prophetischer Charakterkunde.

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