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Gerüchteküche online : Flüchtlinge sind keine Kannibalen

Hier spielt die Geschichte des NDR-Films, aus dem eine Sequenz von dreißig Sekunden gerupft und online gestellt wurde, um drei Jugendlichen zu unterstellen, sie glaubten an ein böses Gerücht über Flüchtlinge: der Kiosk am Bahnhof in Boizenburg, Mecklenburg-Vorpommern. Bild: NDR/Screenshot

Wer wissen will, wie Gerüchte entstehen, muss sich nur die Online-Karriere der Meldung ansehen, Flüchtlinge hätten ein fünfjähriges Mädchen verspeist. In einem NDR-Film wurde das Gerücht erwähnt. Und das sorgte für noch mehr gezielte Verwirrung.

          Kennen Sie schon das neueste Gerücht über Flüchtlinge in Deutschland? Sie essen Kinder. So heißt es zumindest auf Facebook. „Eine Fünfjährige wurde gegessen, lebendig, von einem Flüchtling“, gab ein junges Mädchen die Horrorstory jetzt in einem NDR-Film wieder, der dreißig Minuten lang ist, aus dem jedoch gerade einmal dreißig Sekunden reichen, um drei Jugendliche aus dem Ort Boizenburg als vermeintliche Rassisten und Dummköpfe auszuweisen.

          Michael Hanfeld

          verantwortlicher Redakteur für Feuilleton Online und „Medien“.

          Wer glaubt denn so etwas? Niemand, sollte man meinen, erst recht nicht, wenn man auf die Quelle der Botschaft blickt, das Online-Satiremagazin „Der Postillon“, das es Ende August witzig fand, die Meldung „Flüchtling renkt seinen Unterkiefer aus und verspeist blondes Kind bei lebendigem Leib“ abzusetzen, die seither die Runde macht. Und nicht von jedem als überdrehter Versuch verstanden wird, die Natur des Gerüchts zu beschreiben.

          Beispiel für Informationsverdrehung

          Dass die drei Jugendlichen, die in der NDR-Reportage „Weltbahnhof mit Kiosk: Begegnungen von Stammgästen und Flüchtlingen in Boizenburg“ auftauchen, den grausamen Witz für bare Münze nehmen, muss man allerdings auch nicht annehmen. Denn sie sagen: „Stand auf Facebook.“ Und: „Stand. Ob das so stimmt, weiß man nicht.“ Der Vollständigkeit halber hätte der Autor des Films an dieser Stelle nachfragen und die nächste Antwort der jungen Leute hinzufügen können. So steht die Sequenz unvermittelt im Raum und eignet sich bestens für ein Paradebeispiel der Informationsverdrehung, die leicht zum Rufmord wird.

          Wie das geht? Auf einem Blog namens „Buntesamt“ taucht das unvollständige Zitat angeblich zuerst auf - also allein der Satz „Eine Fünfjährige wurde gegessen, lebendig, von einem Flüchtling“. Fertig scheint der Beweis rechtsradikaler Dummheit in der mecklenburg-vorpommerschen Provinz. Und ab geht die stille Post im Internet. Das wirklich Dumme ist nur, dass dies dem Tenor des Films, aus dem der Satz gerupft wurde, komplett widerspricht. Denn dieser arbeitet durch schlichte, vollständige Beobachtung heraus, dass Menschen, die eventuell Vorurteile über Flüchtlinge pflegen, sich im direkten Kontakt mit diesen ganz anders verhalten, verständnisvoll und hilfsbereit sein können.

          An besagtem Kiosk nämlich kommen jeden Tag Dutzende Flüchtlinge an und wissen nicht immer, wie sie zu einem Aufnahmelager in der Nähe gelangen. Hier nimmt ohne jedes Pathos, sondern ganz nüchtern, durchaus mürrisch im Ton, mit allen Grauschattierungen Angela Merkels „Wir schaffen das“-Mantra Gestalt an. Dazu passt weder das Gerücht über Menschenfresser aus Syrien noch die Anstachelung von Vorurteilen über eine vermeintlich fehlende „Willkommenskultur“.

          Das scheint inzwischen selbst den Rufmord befördernden Zitatkünstlern aufgefallen zu sein. Auf dem erwähnten Blog heißt es nun: „Wir bitten euch, das gesamte Video anzuschauen. Die junge Dame hat selbst Freunde mit Flüchtlingshintergrund und ist keine Rassistin. Sie ist lediglich auf einen Artikel vom Postillon reingefallen. Wie viele andere auch.“ Reingefallen sind allerdings all jene, die dem Anschein einer dreißig Sekunden kurzen Sequenz gefolgt sind. In der Mediathek des Norddeutschen Rundfunks kann man sich ein Bild davon machen.

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