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Radikalisierung im Netz : Dann hörte es plötzlich auf, ein Meme zu sein

  • -Aktualisiert am

Die schönste Form, Wut zu artikulieren: Schülerinnen in Christchurch beim Haka-Tanz zu Ehren der Opfer Bild: Getty

Trolle halten ihre aggressiven Äußerungen in Internet-Foren für unpolitische Exzesse. Und wissen selbst nicht, wie leicht diese zur Waffe werden.

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          Jetzt soll doch alles nur ein Scherz gewesen sein: „Jeder Beitrag, den ich jemals in diesem Forum veröffentlicht habe, ist Satire. Ich dulde und unterstütze keine einzige der Meinungen, die auf diesem Board geäußert werden.“ Derartige Hinweise finden sich seit dem Wochenende vermehrt auf den Imageboards „4chan“ und „8chan“. „8chan“ nutzte der Attentäter von Christchurch, um seinen Anschlag anzukündigen, bevor er kurz darauf 50 Menschen beim Freitagsgebet in einer Moschee erschoss. Auch den Link zur Videoübertragung der Tat und sein Manifest verbreitete er über diesen Weg. Schon lange gelten diese Internetforen als Orte, an denen besonders widerliche Formen des Humors herrschen, für Außenstehende oft kaum nachvollziehbar. Vieles davon erscheint als Ausdruck einer nihilistisch fundierten Lust an der Provokation. Mit dem Attentat vom vergangenen Freitag zeigte sich aber, dass sich auch reale Gewaltbereitschaft hinter dieser Maske verbirgt. Die Generaldistanzierung der Nutzer, ihre Behauptung, all der Sexismus, Rassismus und Antisemitismus auf diesen Seiten sei bloß Satire, liest sich weder aufrichtig, noch kann man sie ernst nehmen.

          Es gehört zu ihrem Funktionsprinzip und macht ihre Anziehungskraft aus, dass an diesen Orten immer offen bleiben soll, was ernst gemeint war und was als Witz. „4chan“, gegründet als Tauschbörse für alle Arten (legaler wie illegaler) Pornographie, hatte von Beginn an das explizite Ziel, seine Nutzer von jeglicher Rechenschaft und Verantwortung für ihre Beiträge zu befreien. Diesem Ziel dient auch das Interface der Plattform. Am laufenden Band entstehen neue Threads, neue Diskussionen, die oft innerhalb von Minuten schon wieder von der Startseite und aus dem Bewusstsein verschwinden. Benutzer können sich an den Diskussionen beteiligen, ohne sich anzumelden. Sie benötigen dafür keine Profile, sie haben weder echte noch ausgedachte Namen, sie sind Anons, Anonyme. Die aktivistische Bewegung Anonymous mit ihren ikonischen Guy-Fawkes-Masken hatte auf „4chan“ ihren Ursprung. „8chan“, die Plattform, auf der das Attentat von Christchurch angekündigt wurde, stellt eine Abspaltung von „4chan“ dar. Ihre Gründung war eine Reaktion darauf, dass „4chan“ es gewagt hatte, auch nur minimale Formen der Moderation einzuführen.

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