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Interview mit Julia Ebner : Wie wird ein Troll zum Terroristen?

Die Wissenschaftlerin Julia Ebner, Autorin des Buchs „Radikalisierungsmaschinen“, beim Gespräch in der Berliner Redaktion Bild: Julia Zimmermann

Reise durch den Sumpf radikaler Online-Räume: Die Extremismusforscherin Julia Ebner hat für ihr Buch „Radikalisierungsmaschinen“ nicht nur Daten analysiert. Sie war auch selbst in Foren und Chats. Ein Interview.

          6 Min.

          Die Österreicherin Julia Ebner, 28, forscht am Institut for Strategic Dialogue in London über Extremismus im Internet. Für ihr Buch „Radikalisierungsmaschinen“ hat sie sich unter falschen Namen auf eine Reise durch sehr düstere Ecken des Internets begeben, als eine Art teilnehmende Beobachterin.

          Harald Staun

          Redakteur im Feuilleton der Frankfurter Allgemeinen Sonntagszeitung in Berlin.

          Frau Ebner, was haben Sie bei Ihren empirischen Recherchen gelernt, was Sie nicht schon durch Ihre Datenanalysen wussten?

          Was mir beim Blick von außen oft fehlt, sind die menschlichen Dynamiken. Viele Dinge kann man messen, zum Beispiel, wie schnell sich der Wortschatz bestimmter Gruppen radikalisiert. Aber wie einzelne Individuen in diese Netzwerke reingezogen werden und warum sie dort bleiben, warum sie ganze Tage in Neonaziforen oder in Trollarmeen verbringen oder warum manche dann auch aussteigen – all das geht mir in der analytischen Forschung oft ab. Mir war es wichtig, Taktiken aufzuzeigen, die Extremisten einsetzen, die Nuancen zu verstehen, die internen Funktionsweisen, den Aufbau solcher Netzwerke, die Kultur, die dort entsteht, die Insiderwitze. Dazu ist der eher ethnographische Zugang sehr hilfreich.

          Die Netzwerke, die Sie untersucht haben, waren nicht nur politisch sehr unterschiedlich, von der Identitären Bewegung bis zu eindeutigen Neonazis und islamistischen Gruppen. Sie waren auch auf sehr unterschiedlichen Plattformen unterwegs, von Internetforen bis zu Chatgruppen. Konnten Sie trotzdem Gemeinsamkeiten feststellen?

          Julia Ebner: „Radikalisierungsmaschinen – Wie Extremisten die neuen Technologien nutzen und uns manipulieren“. Aus dem Englischen von Kirsten Riesselmann. Suhrkamp, 334 Seiten, 18 Euro

          Was auffällt, ist, dass alle, quer durchs ideologische Spektrum, Anreizsysteme für Neumitglieder schaffen, vor allem durch einen starken Fokus auf die Identifikation mit der Gruppe. Die entsteht natürlich, indem man ein gemeinsames Ziel und gemeinsame Feinde definiert, aber auch sehr oft durch Belohnungssysteme. Das können explizite Belohnungen sein, etwa dass man hierarchisch aufsteigen kann, wie in der Trollarmee Reconquista Germanica, wo es wirklich militärische Ränge gibt. Oder es kann eher implizit ablaufen, etwa durch Applaus der anderen Gruppenmitglieder, wie leider auch bei dem Attentäter von Christchurch sichtbar wurde. Auf all diesen Plattformen gelingt das deshalb so gut, weil sich die Leute auf diesen extremistischen Kanälen als Gegenkultur zum Mainstream, zum politischen Establishment inszenieren, ihren eigenen Wortschatz schaffen, eigene Referenzpunkte und eben auch diese spielerischen Methoden verwenden.

          Eine sehr beliebte Taktik ist das sogenannte „Redpilling“, angelehnt an die rote Pille, die Neo im Film „Matrix“ nimmt: Man behauptet, dass die meisten Menschen in einer Scheinwelt leben, und verspricht ihnen, dass sie die Wahrheit erkennen werden, wenn sie sich anschließen. Warum ist diese Methode so erfolgreich?

          Vor allem, weil es einen enormen Informationsüberschuss gibt. Extremisten nutzen aus, dass man oft nicht mehr zwischen vertrauenswürdigen und nicht vertrauenswürdigen Quellen unterscheiden kann. Oft gehen sie dabei sehr subtil vor, greifen Themen auf, bei denen es schon eine gewisse Skepsis bei ihrem Publikum gibt, und maßschneidern sie so, dass ihre Zielgruppe angesprochen wird.

          Es gibt sehr unterschiedliche Ausprägungen dieser Rhetorik: Teilweise ähnelt sie fast einer Karikatur, wie die absurde Verschwörungstheorie von QAnon, manchmal aber ist sie intellektuell durchaus geschickt. Gab es Momente, in denen Sie nachvollziehen konnten, warum das überzeugend wirkt? Oder sogar selbst ins Zweifeln gekommen sind?

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