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Interview mit Julia Ebner : Wie wird ein Troll zum Terroristen?

Eine der erschreckenden Erkenntnisse aus Ihrem Buch ist, wie leicht zugänglich solche radikalen Inhalte heute sind: Ein paar Gruppen wollen zwar unter sich sein, aber in der Regel mussten Sie nicht mühsam in den geheimen Ecken des Darknet recherchieren. Sondern es reichten ein paar Klicks auf Youtube oder Facebook.

Die Anwerbestrategien sind mittlerweile sehr subtil. Die Alt-Right oder auch die Neue Rechte hier führt oft Trojanisches-Pferd-Kampagnen durch, wie ich sie nenne: Sie versuchen, Menschen anzuziehen, ohne ihr Branding zu verwenden. Die Kampagne „120 Dezibel“ etwa, die im Namen von Frauenrechten antimuslimischen Hass verbreitet, weist nicht darauf hin, dass die Identitäre Bewegung dahintersteckt, damit ein breiteres Publikum angesprochen wird.

Der Einstieg wird auch dadurch sehr erleichtert, dass die Menschen oft zunächst auf einer ironischen Ebene angesprochen werden. Und sehr lange nicht wissen, wo der Spaß aufhört und wo der Extremismus beginnt.

Das ist zum einen ein Effekt der Gamifizierung des Extremismus – viele sehen das tatsächlich als Spiel. Andererseits sind diese Communities sehr divers, oft sind es nur Teile von ihnen, die bei den einzelnen Kampagnen mitmachen. Wenn man so viel Zeit in solchen Foren verbringt, kann man selbst kaum noch unterscheiden, was Teil dieser Trollingkultur ist und was sich offline als Attentat manifestieren kann. Aber spätestens seit Christchurch ist klar, dass wir unsere Definition von Terrorgruppen hinterfragen müssen: Diese Gruppen entsprechen nicht mehr dem, was wir früher als extremistische Gruppe bezeichnet hätten. Die Netzwerke sind so lose verknüpft, die kann man nicht einfach auflisten, wie es die UN mit IS- oder Al-Qaida-Gruppen tun. Es handelt sich eher um eine Art inspirativen Terrorismus.

Youtube hat gerade bekannt gegeben, dass es allein im vergangenen Monat 30.000 Videos und 500 Millionen Kommentare mit „Hate Speech“ gelöscht hat. Hilft das etwas?

Kurzfristig gesehen ist es wichtig, Inhalte, die zur Gewalt anstiften, zu entfernen. Aber das kann nicht die einzige Lösung sein – und vor allem muss man auch die Effekte beachten, die das haben kann. Solche Maßnahmen können immer kontraproduktiv wirken, weil sie gerade die Weltbilder von Extremisten verstärken und ihren Opferinszenierungen Futter geben. Extremisten finden immer Wege, die Gesetze zu umgehen, und wechseln dann einfach auf andere Plattformen. Sie breiten sich immer mehr auf ultralibertären Plattformen aus, die sich weigern, mit den Behörden zusammenzuarbeiten oder gewaltvolle Inhalte zu entfernen. Außerdem bauen Extremisten zurzeit massiv ihre eigenen Plattformen auf. In dieser Alt-Tech-Sphäre findet man alles – von alternativen sozialen Medien und Wikipedia-Pendants über Neonazi-Crowdsourcing-Plattformen bis hin zu ultranationalistischen Dating-Plattformen.

Wieso profitieren die Extremisten mehr von den digitalen Technologien als die Kräfte der liberalen Gesellschaft? Kann man sie nicht nutzen, um ihr Treiben zu analysieren und zu kontrollieren? Um es zynisch auszudrücken: Wo ist der Überwachungsstaat, wenn man ihn braucht?

Radikale Randgruppen nutzen die neuen Technologien und deren Schwachstellen leider meistens schneller aus, als die Politik darauf Antworten geben kann. Das liegt vor allem daran, dass Gegenmaßnahmen, Gesetze und Entfernungen heute ausschließlich reaktiv sind. Die politischen Entscheidungsträger und Sicherheitsbehörden müssten deutlich vorausschauender sein, wenn es etwa um die neuesten technologischen Trends geht, denn oft kann man daran schon die nächsten großen Gefahren im Extremismus und Terrorismus ablesen. Das bedeutet nicht notwendigerweise Überwachung, sondern einen deutlich breiter ausgelegten und proaktiveren Präventionszugang.

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