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Interview mit Julia Ebner : Wie wird ein Troll zum Terroristen?

Ich konnte schon oft nachvollziehen, wie man solchen Theorien Glauben schenken kann. Bei der Verschwörungstheorie vom „Großen Austausch“ greift man zum Beispiel oft auf demographische Projektionen zurück, die von internationalen Organisationen herausgegeben werden, und vermischt sie dann mit komplett verzerrten Abbildungen von Migrantenkriminalität. Weil ich mich schon länger mit diesen Themen beschäftige, war ich dafür nicht anfällig. Aber es gab schon Situationen, in denen Themen und Ängste angesprochen wurden, mit denen ich auch selbst zu tun hatte, vor allem als ich in einer weiblichen, frauenfeindlichen Gruppe war.

Ihre Schilderung dieses antifeministischen Forums, in dem sich sogenannte „Trad Wives“ treffen, ist eines der traurigsten Kapitel: Dort versammeln sich Frauen, die zurück wollen zu traditionellen Geschlechterverhältnissen und sich gegenseitig Tipps geben, wie sie Männern gefallen, indem sie ihren sexuellen Marktwert verbessern und ihre unterwürfige Rolle bejahen. Und trotzdem erreichen Sie dort einen Punkt, an dem Sie denken: „Was, wenn das stimmt?“

Dort wurden Themen behandelt wie Onlinedating, Doppelbelastungen von Frauen oder die Herausforderungen neuer Familienmodelle – und sehr geschickt umgewandelt. Das war auch eine andere Form der Radikalisierung, bei der die Mitglieder eher einen Hass gegen sich selbst als einen Hass gegen eine Fremdgruppe entwickelten.

Was man an dieser Gruppe gut sehen kann, ist, dass hinter diesem Hass oft auch eine Suche nach Anerkennung, nach Liebe steckt.

Ja, diese Suche findet sich in all diesen Communities wieder. Das kommt oft zu kurz, wenn man nach Lösungen sucht. Man muss bei den Ursachen für die Online-Radikalisierung ansetzen, nicht bei den Symptomen. Natürlich ist auch die Entfernung von radikalen Inhalten notwendig. Aber wir müssen untersuchen, was da für neue Gruppendynamiken, Familienersatzsysteme und Identitätstransformationsprozesse entstehen.

Halten Sie die Formen der Radikalisierung, die online stattfinden, für die Ursache der Verschärfung der gesellschaftlichen Spannung? Oder für deren Auswüchse?

Sowohl als auch. Die Online-Entwicklung hat viel beschleunigt, was offline stattgefunden hat: Radikalisierung, aber auch Einsamkeit und Suchtverhalten. Umgekehrt hat die Online-Komponente dafür gesorgt, dass oft nicht mehr klar unterschieden wird, was real und was virtuell ist. Auch viele Mitglieder von „8chan“ waren schockiert, als der Anschlag in Christchurch stattfand. Einige sind danach tatsächlich ausgestiegen, weil sie vorher nicht so klar erkannt hatten, welche Effekte ihre Äußerungen auf die reale Welt haben können.

Welche Effekte dieser Online-Dynamiken halten Sie denn für die gefährlichsten? Die Anstiftung zu Gewalttaten in der wirklichen Welt? Oder die Radikalisierung der gesamtgesellschaftlichen Debatte?

Die Wechselwirkung ist so toxisch: Die Tatsache, dass sich die Gesellschaft immer weiter polarisiert und rechtspopulistische Politiker immer mehr an die Macht geraten, bewirkt eine Normalisierung von extremer Rhetorik. Das beste Beispiel ist die These vom „Großen Austausch“, die plötzlich international verbreitet wird und inzwischen fast im Mainstream angekommen ist. Längerfristig sehe ich die Gefahr vor allem in der Destabilisierung der Demokratie. Natürlich ist die Radikalisierung in besonders extremen Foren wie „8chan“, die dann zu Anschlägen führt, wie wir sie in den letzten Monaten gesehen haben, besorgniserregend. Aber letzten Endes ist Terrorismus nichts anderes als der Versuch, diese gesellschaftlichen Polarisierungsprozesse zu beschleunigen.

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