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Volker Kauder über „Echo“ : „Man sollte diesen Preis abschaffen“

  • Aktualisiert am

Farid Bang und Kollegah (rechts) bei der „Echo“-Verleihung. Bild: EPA

Das Auschwitz Komitee hatte vor einer Vergabe des Musikpreises „Echo“ an die Rapper Kollegah und Farid Bang gewarnt – und sieht sich nun in seiner Kritik bestätigt. Auch ein Sponsor zieht nun Konsequenzen.

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          Das Internationale Auschwitz Komitee hat die empörten und solidarischen Reaktionen auf die Verleihung des Musikpreises „Echo“ an die Rapper Kollegah und Farid Bang begrüßt. „Offensichtlich ist durch diese Echo-Verleihung die latente Überziehung junger Menschen durch stupide Hass- und Gewalt- und Aggressionsbotschaften fragwürdiger Vorbilder besonders ins Bewusstsein gerückt und auch als ein Problem erkannt worden, an was wir uns offensichtlich längst gewöhnt haben“, schreibt das Komitee. Es wäre für die Überlebenden des Konzentrationslagers dennoch „ganz falsch“, die Debatte nur auf den „Echo“ zu beziehen.

          „Wo reagiert die Gesellschaft, die Medienindustrie, wo schlafen die juristisch Verantwortlichen, die entsprechenden Prüfstellen?“ Der Hass gegenüber Juden, der sich aktuell auch auf deutschen Schulhöfen austobe, die Diskriminierung anderer Schüler durch aggressive und medial hochgeputschte Jugendliche sei ein überdeutliches Signal, dass in der Gesellschaft über dieses Phänomen breit nachgedacht und gehandelt werden müsse.

          Das Auschwitz Komitee hatte schon vor der Preisvergabe die Nominierung der beiden Rapper kritisiert. Für alle Überlebenden des Holocaust sei dies „ein Schlag ins Gesicht und ein für Deutschland beschämender Vorgang“. Josef Schuster, der Vorsitzende des Zentralrats der Juden in Deutschland, hatte gesagt, es sei „höchste Zeit, ein Stoppschild hochzuhalten“. Der Antisemitismusbeauftragte der Bundesregierung, Felix Klein, hatte die Auszeichnung ebenfalls als „inakzeptabel“ bezeichnet.

          „Man sollte diesen Preis abschaffen“

          Charlotte Knobloch, die frühere Präsidentin des Zentralrats der Juden in Deutschland, die den „Echo“ für die beiden Rapper ein „verheerendes Zeichen“ genannt und den Vorstandsvorsitzenden des Bundesverbands Musikindustrie, Florian Drücke, persönlich angeschrieben hatte, bedankte sich für die Solidarität der Musiker, die ihren „Echo“ zurückgaben. Die Einsicht des Musikverbandes, dessen Chef Florian Drücke den Preis für die Rapper inzwischen als „Fehler“ bezeichnete, sei „zögerlich und spät“ gekommen, doch sei sie da und lasse hoffen, „dass eine glaubhafte Umkehr in Denken und Handeln zu erwarten ist.“ Wenn sich der Vorfall als „Weckruf“ erweise, „ließe sich etwas Gutes im Verheerenden erkennen“.

          Konsequenzen aus der Preisvergabe zog nun auch ein erster Sponsor des Musikpreises. Der Saft-Hersteller Voelkel kündigte am Mittwoch seinen Rückzug als Sponsor des Musikpreises an. Die Preisträger Kollegah und Farid Bang zögen in einem prämierten Song „auf beschämende Weise Vergleiche zu Opfern des Holocausts“. Der Autohersteller Skoda, der Stars und Gala-Gäste in 75 Fahrzeugen fuhr, erwartet derweil „eine rasche und eindeutige Aufarbeitung durch den Veranstalter“, wie ein Sprecher mitteilte. „Sollte uns das Ergebnis nicht überzeugen, werden wir den bestehenden Sponsorvertrag bei diesem Event auf jeden Fall nicht fortführen.“

          Unions-Fraktionschef Kauder kritisierte im Gespräch mit der „Schwäbischen Zeitung“ (Donnerstag) die deutsche Musikindustrie scharf. „Schon die Echo-Preisverleihung an diese Rapper war eine unfassbare Fehlentscheidung, die jede historische Sensibilität vermissen ließ. Angesichts des wachsenden Antisemitismus hätte der Preis nie an Künstler gehen dürfen, die mit dem Holocaust in ihren Texten spielen und offensichtlich auch völlig uneinsichtig sind.“ Kauder sagte: „Man sollte diesen Preis abschaffen.“

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          Zeugnis vom alltäglich gewordenen Judenhass legt gerade ein Video ab, das den Angriff auf zwei Kippa tragende Männer in Berlin Prenzlauer Berg zeigt. Die Polizei fahndet nach den Tätern. Die Opfer wurden mit „Jahudi“ (arabisch für Jude) beschimpft und mit einem Gürtel geschlagen.

          Mit Blick auf solidarische Reaktionen auf den „Echo“ forderte der Musikmoderator Peter Illmann indes „auch die jüngeren Künstler wie Helene Fischer oder Mark Forster auf, sich wie Maffay und Westernhagen von Texten, die Gewalt verherrlichen oder antisemitisch sind, zu distanzieren“. Man solle das umstrittene Album der Rapper Kollegah und Farid Bang boykottieren. Er sei über deren Auszeichnung „entsetzt“, sagte Illmann.

          Kollegah (Felix Blume) und Farid Bang (Farid El Abdellaoui) waren beim „Echo“ für ihr Album „Jung, Brutal, Gutaussehend 3“ ausgezeichnet worden. Es enthält Textzeilen wie „Mein Körper definierter als von Auschwitzinsassen“ und „Mache wieder mal ‘nen Holocaust, komm' an mit dem Molotow“.

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