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Landleben : Was aufhört, was anfängt

Was sich festhalten lässt, ist die Verwandlung der entlegenen Räume. Der Wegzug der Jugend aus ihnen ist vielerorts abgeschlossen. Je entfernter eine Gemeinde von einem wirtschaftlichen Zentrum liegt, desto größer ist der Überschuss der Sterbefälle gegenüber den Geburten. Das wirkt sich ökonomisch in geringerem Konsum und schrumpfender Steuerbasis, in fallenden Immobilienpreisen und steigenden Kosten der sozialen wie der technischen Infrastruktur aus. Nur in 37 von 128 Dörfern im Vogelsbergkreis konnten die Autoren der Berliner Studie 2011 noch ein Einzelhandels- oder Ladengeschäft feststellen. Vor allem der Tourismus sorgt dafür, dass immerhin noch die Hälfte der Ortschaften ein Gasthaus besitzt. Überraschenderweise schrumpfen die Dörfer jedoch unabhängig von der Existenz solcher Einrichtungen; auch hier ist die Erreichbarkeit in nahegelegenen Zentren wichtiger als die Infrastruktur vor Ort.

Großstadttypisch sind nicht nur Städter

Damit wandelt sich auch der Gegensatz von Stadt und Land, was die Lebensführung angeht. „Urbanism as a way of life“ war der womöglich berühmteste Aufsatz zu diesem Unterschied vor fünfundsiebzig Jahren überschrieben. Der aus einer 900-Seelen-Gemeinde im Hunsrück stammende, 1911 in die Vereinigten Staaten ausgewanderte Soziologe Louis Wirth beschrieb darin die klassischen Merkmale des Stadtbewusstseins: Heterogenität der Einwohner, Nischenbildung, räumliche Segregation in Vierteln, freundliches Desinteresse der meisten an den anderen, Konkurrenz, Interessenverfolgung, Begegnungen in sozialen Rollen, nicht als ganze Person.

Schon Wirth bemerkte, dass urbanes Verhalten nicht auf Städter begrenzt sei. Auch die Lebensführung auf dem Land folge längst nicht mehr traditionellen Mustern. Mobilität, Massenmedien und die Berufswelt hätten dafür gesorgt, dass Unterschiede in der Mentalität verblassen. Heutige Soziologen sind in dieser Frage uneinig, halten aber eine größere Toleranz gegenüber Abweichungen, „biographische Offenheit“ und geringere Familienorientierung nach wie vor als großstadttypisch fest. Den Gegensatz bilden hier aber oft schon die Kleinstädte und nicht erst die Dörfer.

Das Dorf ist ein Verein

Was es für das Landbewusstsein bedeuten wird, wenn Dörfer nicht nur als klein, sondern als schrumpfend und alternd wahrgenommen werden, ist soziologisch noch unerkundet. Dass der Letzte das Licht ausmacht, wird in Ober-Wegfurth im Vogelsbergkreis, das zwischen 2004 und 2010 als am stärksten schrumpfender Ort von 68 auf 53 Einwohner zurückging, vermutlich mit in die soziale Stimmung eingehen. Es sind die kleinsten Dörfer, die am stärksten schrumpfen, weil junge Leute und damit auch Eltern wegziehen. Darum haben zwar Kommunikationstechnologien und Mobilität für eine Angleichung der sozialen Temperamente zwischen Stadt und Land gesorgt, aber das Land repräsentiert vielerorts nur noch Vergangenheit: Es hört dort mehr auf als anfängt.

Was die Schrumpfung von Orten aufhält, scheint ihr kommunales Leben zu sein. Stabile Dörfer waren in der Stichprobe im Vogelsberg zugleich diejenigen, in denen es mehr Vereine gab. Das kompensiert sogar Abgelegenheit, weil es Ortschaften gibt, deren Bewohner gerade dies wollen: ein abgelegenes Leben führen. Das Dorf hat nicht nur Vereine, es ist ein Verein - eine kleine Organisation, deren Mitglieder über ihren Zweck zur Teilnahme motiviert werden. Die Berliner Studie zitiert einen Ortsvorsteher aus dem Vogelsbergkreis über eine Hundert-Seelen-Gemeinde: Bis zu einem Drittel ihrer Bevölkerung seien dort zugezogene Akademiker im Ruhestand. Diese Art von Migrationshintergrund kann, von Ort zu Ort verschieden, zu einer ganz anderen Variante sozialer Homogenität auf dem Land führen. Sie ergibt sich nicht mehr, wie einst zu Zeiten der Landwirtschaft, aus der gegenwärtigen Tätigkeit seiner Bewohner, sondern aus ihrer vergangenen.

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