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Völkermord an den Armeniern : „Die türkische Geschichte ist rein“

Das Mahnmal in Yerivan: In den Jahren 1915 bis 1917 wurden bis zu 1,5 Millionen Armenier getötet Bild: picture-alliance / dpa

Ein exemplarischer Fall: In Minden sollte nach einem Lokalzeitungsartikel über den Völkermord an den Armeniern diskutiert werden. Doch die Stadtverwaltung tauchte ab und das Feld wurde der türkischen Linie überlassen.

          Minden ist ein hübsches mittelalterliches Städtchen. Ruhig, gediegen, beschaulich und, so sieht man das in Ostwestfalen jedenfalls gern, ein klein wenig ausgefallen. Um es mit dem von Mindener Werbeprofis ausgeheckten Slogan zu formulieren: „Unbedingt merk-würdig seit 798!“ Und Merkwürdiges geschieht derzeit tatsächlich in dem 83.000 Seelen zählenden Ort.

          Karen Krüger

          Redakteurin im Feuilleton der Frankfurter Allgemeinen Sonntagszeitung in Berlin.

          Keine vier Wochen ist es her, da postierte sich ein Grüppchen türkischstämmiger Demonstranten vor der Redaktion des „Mindener Tageblatts“, um mit türkischer Flagge und Plakaten mit dem Konterfei des türkischen Staatsgründers Atatürk gegen die angeblich einseitige Berichterstattung der Zeitung zu demonstrieren. Der Auslöser: Ein Leserbrief über die Aufarbeitung des Völkermordes an den Armeniern in den Jahren 1915 bis 1917. Offenbar beeindruckt von der Belagerung druckte das „Mindener Tageblatt“ daraufhin einen Artikel, der versöhnlich gemeint war und das gegenüber der Redaktion vorgebrachte Anliegen der Demonstranten, genannt „Mindener Vorschlag“, beschreibt: „Wie in einem Gerichtsprozess“ solle von Türken und Armeniern der Sachverhalt der damaligen Ereignisse geprüft und bewertet werden.

          Konfliktangst verhindert Aufarbeitung

          Auch die Europaausgabe der türkischen Zeitung „Hürriyet“ reagierte - die Demonstranten hatten sie gleich mitgebracht -, nämlich mit einem Text, der sich als Aufruf liest, nach dem Beispiel des „Mindener Vorschlags“ eine europaweite Lobby gegen die Aufarbeitung des Völkermords zu gründen. Darin wird einer der Demonstranten zitiert: „Die türkische Geschichte ist rein. Wir müssen in Europa eine Einheit bilden. Der Kampf hat begonnen. Die Archive sind geöffnet. Wenn sie die Wahrheit erfahren wollen, sollen sie kommen und lesen und nicht vor einer Konfrontation weglaufen. Der Türke hat in seiner Geschichte nichts gemacht, wofür er sich schämen müsste.“

          Schulklasse am Mahnmal in Yerivan, das des Völkermords an den Armeniern gedenkt

          Man würde die Geschichte gern als deutsch-türkische Kleinstadtposse abtun, wäre sie nicht exemplarisch für das Vorgehen gewisser türkischer Kreise, die hierzulande versuchen, einen offenen Umgang mit dem Völkermord an den Armeniern zu verhindern - und damit dessen Anerkennung und Aufarbeitung. Es ist die Politik der Einschüchterung von Menschen, Medien und Institutionen. Aus fehlender Kenntnis der Sachlage, aus dem Wunsch, Konflikte mit den türkischstämmigen Mitbürgern zu vermeiden, knicken diese ein.

          Ein Abend der „Versöhnung“ sorgt für Polarisierung

          Doch der Reihe nach. Die Geschichte beginnt im vergangenen Dezember. Damals überraschte der Mindener Integrationsrat, zu diesem Zeitpunkt noch Ausländerbeirat genannt, mit einer Einladung zu einer Veranstaltung. Man wolle am 11. Dezember einen Abend organisieren, der dem Konflikt zwischen Armeniern und Türken ein Ende setze. Ein Dialog müsse stattfinden, eine Annäherung. Beide Seiten sollten sich aussprechen können, die Herzen ausschütten und ihre Meinung darlegen, so die Verlautbarung. Innerhalb des türkischen Publikums machte allerdings eine andere Nachricht die Runde: Zum ersten Mal in der Geschichte Deutschlands sei es gelungen, in einem staatlichen Rahmen - nämlich im Rathaus Minden - eine Veranstaltung zu organisieren, bei der - sinngemäß - die armenische Sicht von einem Türken revidiert werden könne, heißt es in einer E-Mail, die an mögliche Gäste verschickt worden ist. Im ganzen Land müssten deutsche Institutionen dazu gebracht werden, vergleichbare Abende zu initiieren. Den türkischen Kreisen, die sich lange um diesen vielversprechenden Erfolg bemüht hätten, sei zu danken.

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