https://www.faz.net/aktuell/feuilleton/debatten/voegel-gibt-es-nicht-parodie-gescheitert-17680954.html

Verschwörungstheorien : „Vögel gibt es nicht“

  • -Aktualisiert am

Großer Auftritt 1963 in Hitchcocks „Die Vögel“: Tippi Hedren mit Drohne Bild: Picture Alliance / United Archives / IFTN

In den USA verbreitet sich eine Theorie, wonach es sich bei Vögeln um Drohnen handelt. An der Parodie ist nur die Absicht gut.

          2 Min.

          Vögel gibt’s gar nicht. Die Viecher, die auf Ästen und Dachrinnen sitzen, sind Überwachungsdrohnen. Das glaubt niemand? Aber behauptet wird es, als Parole: „birds aren’t real“. Den Satz verbreitet in sozialen Medien, als T-Shirt, Tätowierung und inzwischen auch auf großformatigen Plakatwänden in Pittsburgh, Memphis und Los Angeles eine „Bewegung“, die es noch viel weniger gibt als Vögel. Vor vier Jahren, als die Kampagne begann, hätte ein deutsches Urgroßvaterwort wie „Studentenulk“ oder „Abistreich“ gut drauf gepasst; zwei der Urheber, Peter McIndoe und Connor Gaydos, gehören zum Bevölkerungssegment der halbwegs medienkompetenten Jungerwachsenen („Generation Z“ beziehungsweise „Post-Millennials“).

          Inzwischen ist selbst die New York Times auf die organisierte Vogelleugnung aufmerksam geworden, die in Wirklichkeit Verschwörungstheorien zwischen QAnon, Pizzagate und Seelenraub durch Bill Gates verspotten will. Der Versuch, die diffuse Meme-Mob-Mentalitätskrake, in deren starkem Griff derzeit so mancher Verstand verröchelt, mit derartigen Mitteln anzugreifen, verspricht allerdings nicht mehr Erfolg als der Ansatz, wildes Gebrüll aus zehntausend Kehlen in einem vollen Fußballstadion mit dem aus Kindermund gepiepsten Hans-Christian-Andersen-Märchenzitat „Aber er hat ja gar nichts an!“ zu zähmen.

          Denn nicht der Unsinn irgendeiner Einzelaussage („es gibt keine Vögel“, „Queen Elizabeth II. ist ein Reptil“) macht Kraft und Horror der gegenwärtigen Verschwörungsmassenspinnerei aus, sondern der Umstand, dass Behauptungen darin sowieso nur als Munition für weltanschauliche Steinschleuderschlachten vorkommen – nicht, was sie bedeuten, sondern ob sie sich im Sinne des allmählich zur allgemeinen Debattenlage universalisierten Twitter-Geschäftsmodells für die Hysterisierung nutzen lassen, ist der Punkt.

          Für Betonköpfe auf Beton gesprüht: Vögel gibt es nicht.
          Für Betonköpfe auf Beton gesprüht: Vögel gibt es nicht. : Bild: Manon Priebe

          Man könnte statt um die Sprechblase „Vögel gibt es nicht“ auch um eine inhaltsleere, sachlich aber irgendwie richtige, als Information völlig sinnlose Äußerung ein paranoides Gekreisch entfesseln, zum Beispiel um das Statement: „Eine kaum bekannte statistische Studie belegt, dass der Anteil der Geimpften unter den Ungeimpften seit Monaten kon­stant bei null Prozent liegt.“ Sowohl Leute, die sich auf gar keinen Fall gegen was auch immer impfen lassen wollen, wie ihre schlimmsten Feindinnen und Feinde könnten, wenn jemand nur einen ausreichend einladenden „Thread“ mit der genannten Feststellung eröffnet, einander im Anschluss daran sofort unter Feuer nehmen.

          Die rührende Idee, man müsse Meinungen haben, um sie brüllen zu können, ist überholt. Das Gebrüll und die Erregung selbst sind schon die ganze Meinung, und weil Satire naturgemäß leiser ist als jedes derartige Gebrüll, ist sie inzwischen leider in höherem Maß als alle robotischen Scheinvögel, chinesischen Hypnosenudeln oder russischen Zeitumkehrstrahlen „not real“.

          Dietmar Dath
          Redakteur im Feuilleton.

          Weitere Themen

          Zur Freiheit verurteilt

          Zum Tod von Ray Liotta : Zur Freiheit verurteilt

          Der Schauspieler Ray Liotta konnte auf der Leinwand der freundlichste Mensch der Welt sein – und zugleich eine der gefährlichsten und unheimlichsten Figuren. Das war sein Genie. Jetzt ist er, viel zu früh, gestorben. Ein Nachruf.

          Topmeldungen

          Dieses Bild wird bleiben: SGE-Trainer Glasner und Kapitän Sebastian Rhode können es noch nicht ganz fassen, aber gleich „überreichen“ sie den Europapokal an Peter Feldmann

          Frankfurter Oberbürgermeister : Die Stadt kann ihn mal

          Frankfurts Oberbürgermeister Feldmann hat nicht nur den Europapokal der Eintracht abgeschleppt. Er hat vielmehr der ganzen Stadt zu verstehen gegeben, dass er sich um sie und deren Bürger nicht weiter schert. Die Abwahl muss jetzt kommen.
          Eine Schule wird zum Ort der Trauer: Mitschüler und Angehörige gedenken der 21 Menschen, darunter 19 Kinder, die an der Grundschule erschossen wurden.

          Über Amokläufer in Uvalde : „Mein Sohn war kein Monster“

          Nachdem ein 18 Jahre alter Mann 19 Kinder und zwei Lehrerinnen in Texas tötete, suchen die Ermittler immer noch nach einem Motiv. Sein Umfeld zeichnet das Bild eines aggressiven Einzelgängers.
          „Nur ein Ja ist ein Ja“: Gleichstellungsministerin Irene Montero spricht am Freitag in Madrid

          „Nur ein Ja ist ein Ja“ : Spanien verschärft Sexualstrafrecht

          Ein Entwurf der linken Minderheitsregierung stößt im Parlament auf große Zustimmung. Damit ist die Einwilligung der Frau ausschlaggebend für einen sexuellen Kontakt. Von den Konservativen kommt Kritik.
          Für Jürgen Klopp und den FC Liverpool geht es im Finale der Champions League gegen Real Madrid.

          Klopp zum Finale : „Wir spielen auch für die Ukraine“

          Jürgen Klopp will mit dem FC Liverpool die Champions League gewinnen. Warum er froh ist, dass das Finale in Paris stattfindet, wie er die Gerüchte um Sadio Mané bewertet und was er über den Rasen denkt.

          Newsletter

          Immer auf dem Laufenden Sie haben Post! Die wichtigsten Nachrichten direkt in Ihre Mailbox. Sie können bis zu 5 Newsletter gleichzeitig auswählen Es ist ein Fehler aufgetreten. Bitte versuchen Sie es erneut.
          Vielen Dank für Ihr Interesse an den F.A.Z.-Newslettern. Sie erhalten in wenigen Minuten eine E-Mail, um Ihre Newsletterbestellung zu bestätigen.