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Kreml-Mitarbeiter : Die Tribute von Putin

  • -Aktualisiert am

Anton Waino: Chef der russischen Präsidialverwaltung und mutmaßlicher Erfinder der Zukunftsmaschine Nooskop. Bild: Imago

Kreml-Mitarbeiter arbeiten auch wissenschaftlich. Und leisten Beachtliches: Sie erfinden ein Gerät, das Revolutionen verhindert, oder erdenken eine Gebärmutter, die sich an alles erinnert.

          5 Min.

          Das Gerät heißt Nooskop, man kann damit das kollektive Bewusstsein der Menschheit erforschen. Mit vernetzten Überwachungssensoren scannt es die Einheit von Raum, Zeit und Leben. Ausgestattet mit diesem Gerät, könnte die sogenannte Superklasse die Zukunft noch besser kontrollieren, als sie es ohnehin schon tut, indem sie das Zusammenspiel dieser Substanzen mit Hilfe von speziellen „Protokollen“ beeinflusst. Dazu ist diese Superklasse nämlich in der Lage, weil sie die mystische Eigenschaft „Farn“ besitzt, die als „Emanation der Sonne des göttlichen Feuers“ und „unsichtbare Facette des Seins“ beschrieben wird. Wenn die Superklasse die Kontrolle verliert, gibt es Revolution.

          Scotty, beamen Sie uns hier raus, wir sind im falschen Film. Dies sind keine Abenteuer des Raumschiffs Enterprise und auch nicht die Allmachtsphantasien eines verrückten Gegenspielers von James Bond. Dies sind Zitate aus zwei wissenschaftlichen Arbeiten des neuen Chefs der russischen Präsidialverwaltung, Anton Waino, die er im Jahr 2012 zusammen mit einem anderen Beamten veröffentlichte. Für das Nooskop und seine Bestandteile wurden bereits mehrere Patente vergeben. Wie dieses Gerät aber aussehen soll und was es überhaupt ist, wird in den beiden Texten nicht verraten.

          Putins Ex-Bodyguards werden zu Gouverneuren

          Die Beförderung des 44 Jahre alten, also relativ jungen und weitgehend unbekannten Protokollchefs Waino zum Leiter der Präsidialverwaltung ist interessant in vielen Aspekten. Im russischen Machtsystem ist die Präsidialverwaltung das politische Zentrum. Die wichtigsten Personal- und Richtlinienentscheidungen werden hier getroffen, und nicht etwa in der Regierung oder im Parlament. Diese Behörde gebietet über Ernennungen und Absetzungen in der Exekutive, Legislative, Judikative und in den Medien; hier wird über Fusionen und Übernahmen entschieden oder darüber, wer zur Wahl antreten und welches Ergebnis er dabei erreichen darf. Mit Wainos Ernennung zeichnet sich eine Wende in Putins Personalpolitik ab: Der russische Präsident besetzt jetzt die wichtigsten Posten nicht mehr mit seinen alten Freunden und ehemaligen Geheimdienstlern, sondern mit Menschen aus seiner nächsten Umgebung. Kurz zuvor hatte er zwei seiner ehemaligen Bodyguards zu Gouverneuren gemacht und deren Bodyguard-Chef zum Kommandanten der neugegründeten Nationalgarde.

          Seine langjährigen Weggefährten sind ihm wohl inzwischen zu mächtig geworden. Waino löst Sergej Iwanow im Amt ab, einen der engsten Vertrauten Putins seit ihrer gemeinsamen Zeit beim KGB. Putin versetzte den berüchtigten Hardliner auf die denkbar bedeutungslose Position des Sonderbeauftragten für Umwelt und Verkehr. Der neue Mann an der Spitze der mächtigen Behörde ist ein perfekter Funktionär mit tiefen Wurzeln in der sowjetischen Nomenklatura. Anton Waino wurde in Tallinn als Enkel des Ersten Sekretärs der estnischen KP geboren. Er wuchs in Moskau auf, studierte an der Diplomatenschmiede MGIMO und arbeitete anschließend in der Botschaft in Tokio. Er dolmetschte für Putin bei dessen Japan-Besuch im Jahr 2000, dabei wurde der Präsident auf ihn aufmerksam und holte ihn nach Moskau. Waino gilt als kompetent und hat offenbar keine Auffälligkeiten – bis auf seine wissenschaftlichen Schriften, falls er sie tatsächlich selbst verfasst hat.

          Wenn die russischen Medien den Namen Anton Waino als Autor der Nooskop-Schriften „Die Kapitalisierung der Zukunft“ und „Das Bild des Sieges“ erwähnen, schreiben sie vorsichtshalber „der Leiter der Präsidialverwaltung oder sein nicht bekannter Namensvetter“. Die Sache ist heikel, denn Waino hat sich zu diesen Schriften bisher nicht geäußert.

          Das „fluktozellulare Gedächtnis“ der Gebärmutter

          Und so könnte alles auch ganz anders sein, wie im Fall Anna Kusnezowa. Als die 34-jährige Aktivistin der Pro-Putin-Bewegung „Gesamtrussische Volksfront“ zur neuen Kinderbeauftragten des Präsidenten ernannt wurde, fanden die Journalisten sofort heraus, dass die Pfarrfrau und sechsfache Mutter nicht nur eine Impf-, Abtreibungs-, Verhütungs- und Auslandsadoptionsgegnerin ist, sondern dass sie in einem Interview vom „fluktozellularen Gedächtnis der Gebärmutter“ und „der neuen Wissenschaft Telegonie“ schwärmte, also vom alten Aberglauben, die Eigenschaften des ersten Geschlechtspartners der Frau werden an alle ihre Kinder weitervererbt. Daraufhin behauptete Kusnezowa, das habe gar nicht sie gesagt, sondern eine andere Volksfrontaktivistin, die nur zufällig genauso wie sie heiße und genauso wie sie die Vorsitzende der Stiftung „Mariä Schutz und Fürbitte“ sei.

          Ein Treffen im Kreml: Putin und der neue Chef der Präsidialverwaltung Anton Waino.

          Bei Waino glaubt natürlich kaum jemand an die Existenz eines Namensvetters. Es wird vermutet, jemand anderes könnte die Texte im Auftrag des wahren Waino geschrieben haben, wobei der Auftraggeber womöglich nicht einmal hineingeschaut hat. Interessanterweise ist diese Vermutung eher apologetisch gemeint. Das Fälschen von wissenschaftlichen Arbeiten gilt in den russischen Machtkreisen als Kavaliersdelikt, ein Doktortitel oder eine lange Veröffentlichungsliste gehören zum Amt wie Schlips und Staatskarosse. Laut Biologieprofessor Michail Gelfand, dem Mitbegründer der Akademikerinitiative Dissernet, die seit 2013 Doktorarbeiten von Amtsträgern systematisch überprüft, haben seine Kollegen bereits mehrere Tausend Fälle von Fälschungen und Plagiaten entdeckt. Es handelt sich dabei nicht etwa um massenhafte Nachlässigkeit beim Zitieren oder plumpes Abschreiben, sondern um Erzeugnisse einer regelrechten Fälschungsindustrie.

          Nach Angaben eines anderen Dissernet-Aktivisten, des Physikers Andrej Sajakin, kostet eine Doktorarbeit etwa 8000 Euro und eine Habilitationsschrift rund 20000 Euro. Für dieses Geld bekommt der Auftraggeber allerdings meistens keine originelle Arbeit, sondern ein Machwerk aus Versatzstücken bereits veröffentlichter Texte. Manchmal sind die Veränderungen minimal, in einem prominenten Fall wurde lediglich das Wort Blut durch Lymphe ersetzt, in einem anderen bloß der Name der Region einer angeblich durchgeführten soziologischen Untersuchung geändert. Korrupte Prüfungsausschüsse an einschlägig bekannten Hochschulen sorgen für den reibungslosen Ablauf der Titelvergabe. Die meisten gefälschten Dissertationen finden die Aktivisten erwartungsgemäß bei Gesundheits- und Bildungsbürokraten, aber auch bei Parteifunktionären, in der Regierung oder der Duma.

          Wenn das neue Amt einen mit „Gottwendigkeit“ erfüllen kann

          Der frühere Bildungs- und Wissenschaftsminister Dmitri Liwanow, der sich für die Reform des Bildungswesens und der Akademie einsetzte und auch Dissernet unterstützte, wurde im August entlassen. Seine Nachfolgerin, die strenggläubige Kirchenhistorikerin Olga Wassiljewa, ist vor allem wegen ihrer offenen Sympathie für Stalin bekannt und wegen ihrer eigentümlichen Ausdrucksweise, als komme sie mit der Sprache nicht zurecht. So sagte sie zum Beispiel, ihr neues Amt erfülle sie mit „Gottwendigkeit“; seitdem haftet ihr das seltsame Wort an. Die erste Initiative des Bildungsministeriums unter der neuen Chefin war der Vorschlag, die Aberkennung der wissenschaftlichen Titel ausschließlich Gerichten zu überlassen, und zwar nur auf Antrag des geschädigten Urhebers. Damit würde fast jeder entdeckte Fall von Plagiat folgenlos bleiben. Nach massiver Kritik ruderte das Ministerium zurück, der angeblich verantwortliche Mitarbeiter wurde gefeuert.

          Putins neue Bildungs- und Wissenschaftsministerin Olga Wassiljewa glaubt an „Gottwendigkeit“

          Für Anton Waino wäre Dissernet aber nicht sonderlich gefährlich, denn die mit seinem Namen signierten Schriften sind durchaus originell. Und selbst wenn sie ein Ghostwriter geschrieben hat, sind die darin geäußerten Ideen im Umfeld des russischen Präsidenten verbreitet. So erzählte ein ehemaliger KGB-General in einem Zeitungsinterview, russische Geheimdienste würden über Gedankenscanner verfügen und hätten damit antirussische Gedanken im Kopf der früheren amerikanischen Außenministerin Madeleine Albright gelesen. Das Nooskop hat auch viel solidere Quellen, vor allem im „russischen Kosmismus“, einer esoterischen Lehre, der viele russische Künstler und Wissenschaftler zu Beginn des 20.Jahrhunderts anhingen. So begründete der Kosmismus-Anhänger Konstantin Ziolkowski die theoretischen Grundlagen der Raumfahrt, um die Überbevölkerung der Erde nach dem Erlangen der Unsterblichkeit zu vermeiden. Die Zukunftsvisionen und die Machtphantasien aus Wainos Schriften erinnern vor allem an die Theorie der Weltorganisationsdynamik des Ökonomen Alexander Bogdanow, die ihre Verwirklichung schon einmal in der sowjetischen Planwirtschaft fand. Bogdanow, der ebenfalls an Unsterblichkeit glaubte, starb ausgerechnet bei einem Verjüngungsversuch durch Bluttransfusion.

          Über die gesellschaftlichen Utopien der russischen Kosmisten

          Das Wort Nooskop lässt sich auf die Idee der Noosphäre zurückführen, die der russische Geologe und Biochemiker Wladimir Wernadski prägte. Nach seiner Vorstellung hat der menschliche Geist einen ähnlichen Einfluss auf alle Prozesse auf der Erde wie das biologische Leben. Die gesellschaftlichen Utopien der russischen Kosmisten finden sich aber auch in den umfangreichen Schriften des früheren Chefideologen des Kremls Wladislaw Surkow wieder. Die einstige graue Eminenz ist längst in Ungnade gefallen und betreut jetzt die sogenannten Separatisten im Osten der Ukraine.

          Für die Visionäre in Putins Gefolge ist Surkows Schicksal sehr symptomatisch. Im Unterschied zu den Wissenschaftlern, von denen sie Ideen abschöpfen, stehen ihre gesellschaftlichen Utopien nicht mit der Erfindung des Raketenantriebs oder der Geochemie in einer Reihe, sondern mit dem Gedächtnis der Gebärmutter, der Gottwendigkeit und letztendlich mit purer Gewalt.

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