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Nationalismus in Ungarn : Nicht für die Sklaven des Systems

Viktor Orbán (r.) ist manchen ungarischen Rechtsnationalisten nicht radikal genug. Hier mit Vladimir Putin bei einer Pressekonferenz in der vergangenen Woche in Budapest. Bild: AFP

Der radikale Nationalismus träumt sich ins alte Großungarn zurück und schreibt sein Credo auf Männerwäsche: ein Abend in der American Academy in Berlin-Wannsee.

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          Die American Academy in Berlin-Wannsee ist alles, was Donald Trump nicht ist. Man merkt es daran, wie intensiv sich die geladenen Gäste beim Dinner unterhalten, mit ernsten, in diesen Tagen eher besorgten oder entschlossenen Mienen, und wenn man dann noch in der Festschrift blättert, die zum Gedenken an das zwanzigjährige Bestehen der Institution im Herbst 2014 in der Lobby ausliegt, kann man vollends melancholisch werden: Was für schöne, mit vorsichtigem Optimismus nach vorn blickende Reden wurden damals gehalten! Henry Kissinger war da, James Baker war da, der scheidende Direktor Gary Smith schaute auf die spannendste Zeit seines Lebens zurück, und viele erinnerten auf die eine oder andere Weise an den Begründer Richard Holbrooke, den ehemaligen amerikanischen Botschafter in Deutschland und Leiter der Friedensverhandlungen von Dayton. In den Sätzen von Bundespräsident Gauck und Außenminister Steinmeier war die Freundschaft zwischen Amerika und Deutschland das wiederkehrende Motiv - ein Bündnis, gehärtet durch unzählige persönliche Beziehungen unter Politikern, Künstlern und Wissenschaftlern.

          Paul Ingendaay

          Europa-Korrespondent des Feuilletons in Berlin.

          Das ist durchaus immer noch so; in der Academy herrscht ein herzlicher Ton. Nur eben, dass auf der anderen Seite des Atlantiks jetzt er regiert, der Unberechenbare, dessen Präsidentschaft innerhalb weniger Wochen mehr Mobiliar zertrümmert hat, als irgendjemand für möglich gehalten hätte. Zwischen der liberalen American Academy und dem aufgeklärten republikanischen Geldadel, der manchen Trustee der Institution stellt, gibt es beste Beziehungen; zwischen der Academy und der neuen amerikanischen Regierung offenbar nicht. Beim Dinner erzählt einer der diesjährigen Fellows, er habe letzten Herbst selbstverständlich Wahlunterstützung für Hillary Clinton geleistet, sonst hätte er seinen beiden Jungs nicht mehr in die Augen schauen können.

          Größere ideologische Zusammenhänge

          Wenn der Gedanke an das heutige Amerika einen schon trübsinnig werden lässt, dann ist der Blick ins ungeordnete Europa nicht viel erheiternder. An diesem Abend spricht die Soziologin Virág Molnár von der New School for Social Research über das neue Ungarn und dessen radikalen Nationalismus. Aber nicht anhand seiner Politiker oder Parteien, erst recht nicht mit Viktor Orbán vor Augen, der Trump kürzlich einen prima Kerl genannt hat, sondern anhand schlichter Phänomene des Alltags. Molnár befragt zum Beispiel die Auslagen der Buchläden, ferner Haushaltsgegenstände und Designartikel. Oder auch Männermode und ihre impliziten Botschaften. Die Frage, ob der neue ungarische Nationalismus gefährlich sei, überlässt sie anderen.

          Eine der Lehren dieser unruhigen Zeiten könnte sein, politische Bewegungen nicht nur an Politikern, Parteiprogrammen und Umfragewerten zu studieren, sondern größere ideologische Zusammenhänge auf der Zeitachse zu erforschen und „ethnoscapes“ zu zeichnen. So nannte der letztes Jahr gestorbene britische Soziologe Anthony D. Smith Räume, deren Grenzlinien wesentlich durch Heimatgefühl, kollektive Erinnerung und nationale Identität gezogen werden. Molnár präsentierte den Zuhörern in der American Academy einen Gedanken, der jeden überzeugten Europäer nachdenklich machen müsste: dass in den Köpfen von immer mehr Menschen neben dem modernen EU-Ungarn ein altes, nostalgisch beschworenes „Großungarn“ fortbesteht, das am 4. Juni 1920 mit dem Vertrag von Trianon und als Folge des Ersten Weltkriegs offiziell aufhörte zu existieren.

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